Leeze trifft Fiets Warum Münsteraner auch in Groningen nicht vom Sattel steigen

Die Molen Berg in Winschoten. (Foto: Josef Scheller)
Die Molen Berg in Winschoten. (Foto: Josef Scheller)

Groningen steht Münster in Sachen Fahrrad-Verrücktheit in nichts nach. Die grenzenlose Selbstverständlichkeit des Fahrrades bestimmt den Alltag. Es sollte für uns nur eine kurze Auszeit in ein anderes Land werden, quasi ein Ruck-Zuck-Tapetenwechsel, allerdings mit dem PKW und einem Rollz-Motion für Gehbehinderte im Kofferraum. Schon auf dem Weg dorthin, und erst recht am Ziel in Winschoten erkannten wir: Die Region Groningen ist die perfekte Mischung aus „fremd genug für Urlaub“ und vertraut genug für totale Erholung.

Wer reist, flieht nicht vor dem Leben…

Die Flagge der Provinz Groningen. (Foto: Josef Scheller)
Die Flagge der Provinz Groningen. (Foto: Josef Scheller)

…sondern sorgt dafür, dass ihm das Leben nicht entflieht. Ein guter Aphorismus! Zur Anreise mieden wir ganz bewusst die Autobahn-„Rennstrecke“ A 31, um unterwegs in Clemenswerth bei Sögel den Lebensstil vom säkular-geistlichen Klerus mit dem Alltag des gemeinen Volkes vergleichen zu können und um in der 1580 erbauten Festung Bourtange eine Rast bei einem echt-nederlandsen Appel-Pannenkoeken einzulegen. Schloss Clemenswerth, ein Prachtschloss, das Clemens August von Bayern, Fürstbischof der Bistümer Köln, Hildesheim, Münster, Osnabrück und Paderborn, ab 1737 vom Architekten Johann Conrad Schlaun als Maison de plaisance planen und errichten ließ, um dort zu tagen, zu jagen und zu entspannen. Clemens August von Bayern war es übrigens auch, der mit einer Stiftung das nach ihm benannte Clemenshospital in Münster gründete. Auch der Ausbau des Wolbecker Tiergartens in seiner heutigen Form geht auf sein Konto. Die Festung Bourtange wurde 1580 im Auftrag von Willem von Oranien erbaut, um hier einen wichtigen Landweg durch das sonst unwegsame Moor zu sichern.

Seine Vorahnung sollte sich bestätigen, denn 1665, nur 17 Jahre nach dem Friedensvertrag von Münster, griff Fürstbischof Bernhard von Galen alias Bomben Bernd die Festung – übrigens erfolglos – an, mit den Zielen Landgewinnung und Rückführung zum Katholizismus. Sein zweiter, noch viel verheerender Angriff am 18. Juli 1672, verbündet mit den Franzosen und den Engländern, war die brutalste Überlebenssituation der noch jungen Vereinigten Niederlande. „Het Volk was redeloos, de regering radeloos en het land reddeloos.“ (Das Volk war töricht, die Regierung ratlos und das Land rettungslos.) In größter Not ließ Willem III. von Nassau die Deiche öffnen. Das Land flutete, und das einlaufende Wasser war für Pferde zu hoch und für Schiffe zu flach. Die Angreifer verloren auch diese Schlacht. Noch heute feiern die Groninger am 28. August ihr Gronings Ontzet, den Sieg über die Belagerung.

Hartelijk Welkom in Nederland

Allgegenwärtig: Kühe. (Foto: Josef Scheller)
Allgegenwärtig: Kühe. (Foto: Josef Scheller)

Auf der letzten kurzen Wegstrecke nach Winschoten stellten wir entzaubert fest: Es ist hier in der Tat kaum anders als zuhause im Münsterland. Alteingesessene dominante Bauernhöfe, große Maisfelder, riesige Kartoffeläcker, grüne Weiden, auf denen unzählige Kühe grasen. Nur die Fiets-Leezen-Fahrradwege sind hier auch außerorts breiter als in Münster, und die Straßen haben, wem auch immer Dank gesagt sei, keine Belags- oder Trassenschäden. Das merken Rücken und Gesäß spätestens dann, wenn du auf der Heimreise bist und wieder zurück über die nicht mehr wirklich vorhandene Grenze fährst.

Winschoten

Der Hochaltar der Sint Veits Kerk. (Foto: Josef Scheller)
Der Hochaltar der Sint Veits Kerk. (Foto: Josef Scheller)

In großen weißen Lettern, aufgestellt am Bahnhof, begrüßte uns diese beschauliche Stadt. Vis-à-vis in unserer Herberge nannte uns der Hotelier in einem gut verständlichen Mix aus niederländisch-platt-hochdeutsch einige Uitstapjes (Tagestouren) mit regionalen Besonderheiten. Der großzügig angelegte Stadtpark, welcher, pragmatisch wie die Holländer nun mal sind, gleichzeitig als größtes niederländisches Rosarium zum Besuch einlädt. Und geschäftstüchtig, wie unsere Nachbarn nun mal sind, versorgen sie mit der Königin der Blumen ebenso wie mit Tulpen mindestens halb Europa. Als Nächstes besuchten wir das Stadtzentrum, den markanten Kirchturm d’Olle Witte und die Sint Veits Kerk. Hier entdecken wir einen kunstvollen Hochaltar, 1896 gefertigt vom Münsteraner Künstler Bernhard Frydag. Weiter ging’s zum nächsten Highpoint: Winschoten hat die längste Fahrradbrücke Europas, de Pieter-Smit-Brug, gebaut zur Freude der Fietser und Leezenreiter. Stopp: Da halten wir dagegen: Wir haben in Münster die längste Fahrrad-Promenade Europas.

Der Dollart und die Ems

Blick vom Eemshotel Delfzijl auf den Dollart. (Foto: Josef Scheller)
Blick vom Eemshotel Delfzijl auf den Dollart. (Foto: Josef Scheller)

Neugierig geworden und den Empfehlungen des Hoteliers folgend machten wir uns auf zur 100 km² großen Meeresbucht, dem Dollart, den unser Aa-Wasser mit der Ems passiert, bevor sie die Nordsee erreicht: Delfzijl. Im auf hohen Stelzen ins Wasser gebauten Eemshotel wird uns fraglos het eerste Kopje koffie gereicht. Oben auf dem Deich weht uns heftiger Wind ins Gesicht. In Gedanken an den Aasee versunken, schauen wir auf das weite Meer. Danach steht ein Besuch im Muzee Aquarium auf dem Programm. Und wieder bekommen wir bestätigt: Die Niederländer wissen, wie es preiswerter geht. Ein ehemaliger, alter Weltkriegsbunker mit massiven Mauern beherbergt nun die jahrhundertealte lokale Geschichte, alle Arten Meeresgetier und natürlich einen Stehrümchen-Shop. Hier fiel uns spontan das politische Gerangel um einen Musik-Campus in Münster ein.

Deutschsprachige Inschrift in der Nicolaikirche. (Foto: Josef Scheller)
Deutschsprachige Inschrift in der Nicolaikirche. (Foto: Josef Scheller)

Weiter ging’s zum historischen, schnuckeligen Appingedam, dem nur vier Kilometer entfernten, unter Denkmalschutz stehenden Städtchen mit den hängenden Küchen über dem Wasser. Als die zur Wasserseite hin gebauten Ladeluken nicht mehr als Packhäuser zum Be- und Entladen von Schiffen genutzt wurden, richteten Bewohner darin kurzerhand ihre Küchen ein. Mit zwei Wörtern mal wieder niederländisch gelöst: Kostenlose Wohnraumerweiterung. Das historische Rathaus im Renaissance-Stil und die gotische Nicolaikirche waren unsere zusätzlichen Anziehungspunkte, fanden wir doch in letzterem Gebäude Hinweise in althochdeutscher Schrift und damit erneut einen heimatlichen „Denkzettel“ in einer Kirche, die zur selben Zeit wie der St. Paulus Dom erbaut wurde. Jedoch nicht aus Sandstein, sondern aus Backstein.

Oldambt und Umgebung

Oldtimertreffen in Oldambt-Pekela. (Foto: Josef Scheller)
Oldtimertreffen in Oldambt-Pekela. (Foto: Josef Scheller)

Unsere nächsten Ziele befinden sich südwestlich von Winschoten. In Oude Pekela interessierten uns besonders die Stadtplanung. Siedlungen, um die Grachten gebaut, sehen, mit einer Drohne betrachtet, aus wie ein Brettspiel ohne Würfel. Wir haben Glück, denn dieser Tag ist Oldtimer-Treffpunkt und Molendag. Da, schon wieder Münsterland: Ein von Wiesmann, Dülmen, gefertigter, edler Gecko ließ sich von Oldtimer-Fans bewundern. Der Preis: unverkäuflich. In der Windmühle gab es, wie könnte es anders sein, het Kopje koffie und Stroopwafels. Unsere Route führte uns nun ins historische Glockengießer-Zentrum nach Heiligerlee, genauer in das seit 1862 existierende Glockengießermuseum. Wir werden im Herz des Firmenursprungs, in der ehemaligen Gießkuhle, empfangen.

Das Glockenmuseum Heiligerlee. (Foto: Josef Scheller)
Das Glockenmuseum Heiligerlee. (Foto: Josef Scheller)

In einem Video wird die Herstellung, die mühsame schwere Arbeit und der Guss von Glocken gezeigt. Dem folgte eine Besichtigung und Anhörung einer Anzahl von Glocken und unbedingt auch des Prunkstücks des Unternehmens, eines 49-Glocken-Carillons. Weil wir aus Münster angereist waren, erklärte uns der Inhaber sehr ausführlich die 7.604 Kilogramm schwere, 1956 von der Firma Feldmann & Merchel gegossene Bronce-Glocke des Paulus-Domes, Ton Fis. Ergänzend bemerkt: Die jemals gegossene größte Glocke von Europa befindet sich in Moskau. Es ist eine je 6 Meter breite und hohe Glocke mit einem Gewicht von 210.000 Kilogramm, gegossen 1733.

1568, Schlacht bei Heiligerlee. Der 80 jährige spanisch-niederländische Krieg endete mit dem Friedensvertrag von Münster am 15. Mai 1648. (Foto: Josef Scheller)
1568, Schlacht bei Heiligerlee. Der 80 jährige spanisch-niederländische Krieg endete mit dem Friedensvertrag von Münster am 15. Mai 1648. (Foto: Josef Scheller)

Heiligerlee, das ist der Ort, in dem am 23. Mai 1568 der Spanisch-Niederländische Krieg mit der ersten Schlacht begann, 80 Jahre dauerte und im Friedenssaal zu Münster mit Unterzeichnung des Friedensvertrages am 15. Mai 1648 endete. Ein weiteres sehr besuchenswertes Museum in Heiligerlee erinnert daran. Damit es aber am Ende des Artikels wieder friedlich zugeht, sei auch festzuhalten, dass eine neue Etappe des Jakobsweges, Start auf der Insel Schiermonnikoog über Heiligerlee und 490 Kilometer lang durch viele weitere Orte führt und an der Lambertikirche in Münster endet.

All in: Das war ganz sicher nicht unsere letzte Tour zu unseren niederländischen Nachbarn. Für alle Leser haben wir einige nette Fotos als Stehrümchen mitgebracht.

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Ein Kommentar

  1. Wieder ein toller Bericht von Herrn Scheller.
    Wer reist, flieht nicht vor dem Leben….
    Das stimmt! Wer reist erweitert seinen Horizont!
    Gelungene Aufnahmen mit einer guten Erklärung zu den gemachten Bildern von Herrn Scheller, ermutigen den Leser immer weiter zu lesen.
    Weiter so.
    Ich freue mich schon auf den nächsten Artikel.

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