
Korallenriffe gehören zu den beeindruckendsten und zugleich verletzlichsten Lebensräumen der Erde. Auch wenn sie weniger als ein Prozent der Meeresfläche bedecken, beherbergen sie bis zu ein Viertel aller marinen Arten. Sie schützen Küsten vor Erosion, dienen unzähligen Lebewesen als Kinderstube und Nahrungsquelle und tragen zu einem stabilen Ozean bei.
Korallen sind kleine Wunderwerke der Natur: Tiere, die in enger Symbiose mit farbenprächtigen Zooxanthellen leben. Gemeinsam mit anderem marinen Phytoplankton leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur globalen Sauerstoffproduktion und sind damit genauso essenziell für das Weltklima wie die Wälder der Erde.
Ihre Existenz hängt unmittelbar von den globalen Klimaverhandlungen ab, die aktuell auf der 30. UN-Klimakonferenz (COP30) in Belém geführt werden. Die Korallenkrise ist jedoch ebenso eine globale Artenschutzkatastrophe und eine zentrale Herausforderung für die Konvention über die biologische Vielfalt (CBD): Ohne konsequente Reduktion der Emissionen können die globalen Ziele zum Schutz der Artenvielfalt, wie etwa die 30×30-Initiative zum Schutz von 30 Prozent der Meeresflächen, nicht erreicht werden. Die Rettung der Riffe erfordert somit eine enge Verknüpfung der Klima- und Biodiversitätsagenda.
Die 1,5-°C-Schwelle ist die kritische Grenze
Doch diese einzigartigen Ökosysteme stehen heute an der Schwelle eines Kipppunkts. Die globale Erwärmung bringt sie an ihre biologischen Grenzen. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass eine Erwärmung von 1,5 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau die entscheidende Schwelle markiert: Überschreitet die Erde diese Temperatur dauerhaft, verlieren Korallen ihre Fähigkeit zur Regeneration. Die sechste globale Massenbleiche, die seit 2024 Riffe im Great Barrier Reef, im Indischen Ozean und in der Karibik gleichzeitig erfasst, ist ein eindringliches Zeichen dafür, wie nah wir dieser Grenze bereits sind. Schon jetzt gilt rund die Hälfte aller Korallenriffe weltweit als stark geschädigt oder verloren, und Forschende warnen, dass bis Mitte des Jahrhunderts bis zu 90 Prozent funktionell kollabieren könnten, wenn sich der Trend nicht umkehrt.
Klima, Chemie und Seeigelsterben als Brandbeschleuniger
Die Korallenkrise wird durch eine gefährliche Kombination aus Klimawandel, veränderter Ozeanchemie und biologischen Störungen angetrieben. Schon geringfügige Temperatursteigerungen stören die empfindliche Symbiose und lösen die Korallenbleiche aus. Gleichzeitig führt die zunehmende Versauerung der Ozeane zur Auflösung der Kalkskelette der Korallen und erschwert ihr Wachstum.
Dr. Philipp Wagner, Kurator für Artenschutz und Forschung im Allwetterzoo Münster, ergänzt: „Hinzu kommt das weltweite Sterben der Seeigel, die in vielen Riffen eine Schlüsselrolle als natürliche ‚Gärtner‘ spielen. Fehlen sie, breiten sich Makroalgen explosionsartig aus und überwuchern die Korallen, was den ökologischen Wandel hin zu algen-dominierten Systemen dramatisch beschleunigt.“ Verschärft werden diese Prozesse durch lokale Belastungen wie Sedimenteinträge, Überdüngung und mechanische Zerstörung.
Ex-situ-Zucht als genetische Arche
In einer Zeit, in der die Riffe weltweit unter enormem Druck stehen, gewinnen ex-situ-Maßnahmen an Bedeutung. Einrichtungen wie der Allwetterzoo Münster engagieren sich seit über zwei Jahrzehnten in der anspruchsvollen Vermehrung von Korallen – insbesondere von Arten, deren Fortpflanzung in menschlicher Obhut lange als schwierig galt. Die Vermehrungen dienen gleich mehreren Zielen: „Sie reduzieren die Nachfrage nach Wildfängen, stärken die genetische Vielfalt und leisten einen Beitrag zur Forschung an widerstandsfähigeren Korallenstämmen“, erklärt Kristina Theobald, Bereichsleiterin Klimacampus im Allwetterzoo und verantwortlich für das Aquarium. „Durch den Austausch von Nachzuchten und Ablegern mit anderen Zoos entsteht ein Netzwerk, das als eine Art genetische Arche fungiert und Biodiversität bewahrt – selbst dann, wenn natürliche Riffe ihren Kipppunkt überschreiten.“
Auch verwandte Gruppen wie Seeanemonen, die meist einzeln leben und am Meeresboden verankert sind, hängen empfindlich vom Zustand ihrer Umwelt ab. Ihr Wohlbefinden spiegelt denselben alarmierenden Trend wider: Der Ozean verliert seine Stabilität. Korallenriffe sind mehr als farbenfrohe Unterwasserwelten – sie sind ein Fundament des Lebens auf unserem Planeten. Ihr Überleben hängt unmittelbar von den Entscheidungen ab, die weltweit in Klimaverhandlungen getroffen werden. Die COP30 in Belém erinnert eindringlich daran, dass nur konsequente Klimapolitik und gemeinsames Handeln verhindern können, dass eines der wertvollsten Ökosysteme der Erde unwiederbringlich verloren geht.
Vom Sterben der Seeigel Erhaltungszucht als Aufgabe der Zoos Korallen & Diadem-Seeigel Diadem-Seeigel leben nachtaktiv zwischen Korallenriffen und Felsen. Für diese empfindlichen Ökosysteme sind sie von großer Bedeutung: Sie fressen unerwünschte Algen von den einzelnen Polypen der riffbildenden Steinkorallen. Dadurch erhalten die in den Korallen lebenden Symbiose-Algen (Zooxanthellen) wieder ausreichend Licht für die Fotosynthese. Diese Algen liefern den Korallenpolypen den Großteil ihrer Nährstoffe. Fällt die Fotosynthese aus, verhungern die Polypen – und mit ihnen sterben die Korallen. Züchten, um Arten zu erhalten Bislang gibt es keine Möglichkeit, infizierte Seeigel zu behandeln. Aufgabe der Wissenschaft ist es daher, die Ursachen des Massensterbens zu verstehen und Wege zu finden, ihnen entgegenzuwirken. Bis dahin gilt: Seeigel müssen gezüchtet werden, um stabile Erhaltungsbestände aufzubauen. Diese gesunden Populationen könnten – sobald die krankheitsübertragenden Faktoren im Meer abgeklungen sind – wieder in ihre natürlichen Lebensräume zurückgeführt werden. So lässt sich langfristig das Überleben der Art sichern. Massensterben der Seeigel Das erste große Seeigelsterben wurde 1983 in der Karibik dokumentiert. Die dortigen Korallenriffe und Seeigelbestände haben sich bis heute nicht vollständig erholt. Seit 2022 treten erneut massive Verluste auf: zunächst auf den Virgin Islands (USA), später im Mittelmeer und im Roten Meer. Auch die Insel La Réunion im Indischen Ozean ist betroffen. Vor der israelischen Küstenstadt Eilat sind die beiden häufigsten Seeigelarten inzwischen vollständig verschwunden. Auslöser ist ein Wimpertierchen, das Seeigel innerhalb von nur zwei Tagen töten kann. Da sich der Erreger über das Wasser und über internationale Transportwege schnell ausbreitet, erreicht er in kurzer Zeit weit entfernte Regionen. Diese globale Ausbreitung bedroht weltweit die Stabilität der Korallenriffe in bislang unbekanntem Ausmaß.
- Kino-Phänomen „Gary De’Snake“ Dank „Dory-Effekt“ bekommen Blaue Bambusottern besondere Aufmerksamkeit - 18. Januar 2026
- Vom Café-Hit zum Startup-Preis Wie Glowkitchen aus Münster mit Bananenbrot den Handel erobert - 8. Januar 2026
- Fair schenken statt blind konsumieren Warum die Fair Toys Organisation nicht nur zu Weihnachten wichtiger ist denn je - 6. Dezember 2025
