
Nicht mal ein Jahr ist es noch hin, bis die Skulptur Projekte an den Start gehen. Von vielen Kunstfans mit Spannung erwartet, wurden gestern nicht nur die ersten Projekte vorgestellt, sondern grundsätzliche Einblicke in das gewährt, was Münster während der sechsten Ausgabe des internationalen Kunstevents erwartet. Und das wird offenbar schwerpunktmäßig weiblich, osteuropäisch und politisch.
„Kunst im öffentlichen Raum machen viele“, wie Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger betont, doch Münster unterscheide sich von vielen dieser Orte, „Das Besondere an Münster ist das Reagieren der Künstler auf den Ort“, wie die Kulturdezernentin des LWL erläutert. Dieser Aspekt könnte 2027 von ganz besonderer Bedeutung sein, wobei nicht die pittoresken Ecken wie das Schloss oder der Prinzipalmarkt im Fokus stehen werden, sondern die Orte, an denen Münster anders ist und sich vielleicht auch am stärksten an diesem Postkartenidyll reibt: Berg Fidel, Kinderhaus und das York-Quartier. Seit das Kuratorinnen-Trio What, How & for Whom – WHW (Sabina Sabolović, Nataša Ilić und Ivet Ćurlin) im Sommer vorletzten Jahres benannt wurden, suchten sie den Kontakt zu Stadtteilinitiativen, Einwohnerinnen und Einwohnern, um das Besondere an diesen Orten des Wandels zu entdecken. Ein Ergebnis sind die ersten fünf von insgesamt rund 30 geplanten Projekten, die jetzt vorgestellt wurden.
Die ersten fünf

Oscar Murillo wird im York-Quartier das verbindende Element des gemeinsamen Kochens in den Mittelpunkt stellen, Isa Tarasewicz thematisiert auf Gut Kinderhaus das Zusammenleben von Menschen, Tieren und Natur, Selma Selman widmet ihre Arbeit auf dem alten Hörster Friedhof Frauen, die sich weltweit in patriarchalen Strukturen behaupten müssen und Roza El-Hassan wird in Berg Fidel und im Botanischen Garten Migrationserfahrungen verarbeiten. Bislang ist lediglich New Locke mit seinem Projekt unmittelbar in der City im Haus der Niederlande angesiedelt. Er wird an dem Ort nahe der St. Lambertikirche, an dem unter anderem der Krieg zwischen Spanien und den Niederlanden beendet wurde, seine charakteristischen Figuren positionieren.
Das schwere Erbe, das WHW nach dem Tod von Kasper König, der die Skulptur Projekte 1977 gemeinsam mit Klaus Bußmann aus der Taufe gehoben und bis zur letzten Ausgabe 2017 geleitet hat, scheint die drei Frauen nicht einzuschüchtern. Alle drei kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien, sind geprägt vom Balkankrieg in den 1990ern und der Sehnsucht nach einer offenen Gesellschaft im Dialog, das spiegelt sich in der Auswahl der ersten fünf Projekte wider, die gestern vorgestellt wurden. „Die Stadt hat eine geradezu leidenschaftliche Beziehung zu ihrer Kultur“, resümiert Sabina Sabolović nach den ersten zwei Jahren in Münster. Gleichwohl sei Münster im Grunde genommen nicht eine sondern viele Städte, ist sich Ivet Ćurlin mit Blick auf die unterschiedlichen Quartiere und deren Bewohnerinnen und Bewohner sicher. Nataša Ilić ist wichtig, dass die nächsten Skulptur Projekte kein weiteres lautes Spektakel werden, das die aktuellen Probleme übertönt. Ihr ist wichtig, dass die Menschen über die Projekte wieder in einen Dialog eintreten, der die Meinung des Gegenübers akzeptiert und nicht zur verbalen Schlacht wird, wie sie vielerorts inzwischen zum Standard geworden ist.

Noch kein potenzieller Publikumsmagnet
Oberbürgermeister Tilman Fuchs verweist auf die Bedeutung des alle zehn Jahre stattfindenden Kulturevents für das Selbstverständnis der Stadt: „Durch die Skulptur Projekte bekommen wir von Künstlerinnen und Künstlern gezeigt, wie sie die Stadt sehen. Der öffentliche Raum ist nicht nur eine Verkehrsfläche, sondern wird durch die Kunst erlebbar.“ Dieser erste Einblick macht neugierig auf das, was in einem Jahr kommen wird. Publikumslieblinge wie der Steg von Ayşe Erkmen durch das Hafenbecken oder der Pier von Jorge Pardo am Aasee sind unter den ersten fünf vielleicht nicht sofort auszumachen. Dafür werden Betrachterinnen und Betrachter mit ihrer jeweiligen Geschichte und ihren Gefühlen offenbar stärker in die Werke eingebunden, als dies in früheren Skulptur Projekten der Fall war. Und die Bürgerinnen und Bürger der Stadt sind bereits jetzt intensiv an der Entstehung beteiligt und das ist gut so.
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