
1912 – eine Welt im Umbruch. Auf der einen Seite steuerte die militärische Aufrüstung in Europa bereits auf den ersten Weltkrieg zu, auf der anderen starteten mutige Menschen Expeditionen zu den letzten weißen Flächen der Weltkarte. Nicht selten führten dabei Größenwahn und Selbstüberschätzung immer wieder in die Katastrophe wie beim tödliche Scheitern der Expedition von Robert Falcon Scott am Südpol oder dem Untergang der Titanic im Nordatlantik. In dieser weltpolitischen Gemengelage plante der deutsche Abenteurer Herbert Schröder-Stranz mit der „Deutschen Arktischen Expedition“ die Durchquerung der Nordost-Passage. In seinem neuesten Buch „Heldenreise ins ewige Eis“ setzt Wilsberg-Erfinder Jürgen Kehrer den Männern dieser Expediton ein kritisches Denkmal.
Nicht nur die Helden seines Romans betreten Neuland, auch Jürgen Kehrer, der viele Jahre in Münster gelebt und dabei fast alle Wilsberg-Romane geschrieben hat, wagt sich mit seinem neuen Buch erstmals auf ein Terrain, das nichts mit Mord und Totschlag zu tun hat. Trotzdem lesen sich seine Schilderungen einer Expedition, die von Anfang an unter einem schlechten Stern stand, über weite Bereiche spannend wie ein Krimi. Wer die klare Sprache der Wilsberg-Romane mag, wird auch an „Heldenreise ins ewige Eis“ Freude haben. Der Tatsachenroman ist hervorragend recherchiert und wer noch tiefer in die Materie eintauchen will, findet am Ende des Buches ein umfangreiches Quellenverzeichnis. Auch das weitere Schicksal der Überlebenden wird vom Autor detailreich geschildert.

Der Buchtitel ist etwas irreführend, Expeditionsleiter Schröder-Stranz mag sich selber wohl als Held gesehen haben, Kehrer zeichnet hingegen ein differenzierteres Bild des Abenteurers. Das Ziel, die gefährliche Nordost-Passage zu befahren, die den Atlantik mit dem Pazifik verbindet und die Reise von Europa nach Asien deutlich verkürzt, hat die „Deutsche Arktische Expedition“ nie erreicht. Sie scheiterte bereits bei einer vorbereitenden Reise, bei der die Expeditionsteilnehmer gewissermaßen zu Testzwecken Spitzbergen und das benachbarte Nordostland durchqueren wollten. Fehlendes Wissen, schlechte Ausrüstung, unzureichende Planung und vor allem der mangelnde Zusammenhalt in der Gruppe ließ den größten Teil der Teilnehmer bei diesem Vorhaben ins Verderben laufen.

„Heldenreise ins ewige Eis“ ist aber nicht nur ein Buch in dem erläutert wird, wie man Spitzbergen nicht durchquert. Es berichtet vielmehr davon, wie Selbstüberschätzung und Einzelkämpfertum unweigerlich in die Katastrophe führen. Jürgen Kehrer ist ein Buch gelungen, das den Lesenden in eine Zeit entführt, in der offenbar alles machbar zu sein schien, wenn man es nur mit dem nötigen Selbstbewusstsein in Angriff nimmt. Ein Trugschluss, wie sich rückblickend zeigt. Dem erfahrenen Autor ist mit seinem neuesten Buch etwas Beeindruckendes gelungen: Ein überaus spannender Krimi in der schier endlosen Eiswelt der Arktis und ein Lehrstück darüber, was in Grenzsituationen droht, wenn aus einer Gruppe von Menschen kein Team wird. Das Buch startet mit einem kurzen Ausflug zu vorangegangenen Polarexpeditionen und endet mit der eigenen Reise des Autors nach Spitzbergen an die Orte, an denen die „Deutsche Arktische Expedition“ vor 114 Jahren Geschichte schreiben wollte und dabei tödlich scheiterte. Eine Leseempfehlung!
Jürgen Kehrer, Heldenreise ins ewige Eis: Der Untergang der Deutschen Arktischen Expedition auf Spitzbergen 1912/13; Quadriga Verlag, März 2026. ISBN 978-3-86995-165-2. 272 Seiten, gebundene Ausgabe. 25,00 Euro
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