„In allem Zwischenmenschlichen steckt etwas Inspirierendes!“ Sänger BOSSE über persönliche Songs, digitale Gewalt, „Hirn gegen Hass“ und deutsche Radiokultur

Entspannt und aufgeschlossen: Sänger Axel "Aki" Bosse am Freitagabend vor seinem Konzert. (Foto: Claudia Feldmann)
Entspannt und aufgeschlossen: Sänger Axel „Aki“ Bosse am Freitagabend vor seinem Konzert. (Foto: Claudia Feldmann)

Am Freitagabend trat der deutsche Sänger BOSSE in der Halle Münsterland auf. Vorab erhielten wir die Gelegenheit, uns mit dem sehr entspannten und aufgeschlossenen Axel „Aki“ Bosse zu unterhalten. Welche Themen er in seinen neuen Songs verarbeitet, woher er seine Inspiration nimmt und wie er sich für eine bessere Welt einsetzt, lest ihr im Interview.

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Mit „Stabile Poesie“ hast du gerade dein 10. Studioalbum veröffentlicht. Welche persönliche Bedeutung hat das Album für dich?

Eine sehr große. Ich habe mir irgendwann vorgenommen, nur noch über Dinge zu singen, die mir wirklich etwas bedeuten und die mir auf der Seele brennen. Vorher war es manchmal so, dass ich mich vielleicht zu sehr angestrengt habe, viele Themen in einen Song zu packen oder zu gucken, was könnte den Leuten gefallen. Das einzig Wahre für mich ist, wenn ich das mit Vollblut so mache, wie ich es möchte – egal, ob das irgendjemandem gefällt oder nicht. Und ich fand es jetzt bei der Platte besonders auffällig – ob musikalisch oder textlich, das ist jetzt genauso wie ich es machen wollte. Unabhängig von den Gedanken, wie erfolgreich es wird.

Für mich klingen all deine Songs so, als würde dich das jeweilige Thema bewegen, es wirkt nie aufdiktiert…

Es bewegt mich alles. Aber in den letzten Jahren dachte ich: Ich spiele so viel Klavier, schreibe so viele Songs auf der Gitarre, aber dachte dabei immer an die Leute, die das hören. Kann der Song im Club laufen oder wer tanzt dazu. Und diesmal war mir das völlig egal. Ich habe alles intuitiv gemacht ohne zu viel nachzudenken.

Hast du einen Lieblingssong auf dem neuen Album oder einen Song, der für dich emotional besonders ist?

Ja. Zum Beispiel „Schwesterherz“ oder „Liebe hat nicht ewig Zeit“ sind in meinen Augen auf jeden Fall Songs, die überdauern werden, weil es Themen sind, die ich persönlich sehr ernst nehme. Da muss ich nicht recherchieren. Anders ist es, wenn ich gesellschaftliche Nummern schreibe und dazu eine andere Emotion habe wie Wut oder Aufbruch oder ähnliches. Aber die Stücke, die für mich überdauern, sind die, wo es etwas privater ist.

(Foto: Claudia Feldmann)
(Foto: Claudia Feldmann)

„Privat“ ist ein gutes Stichwort. Die neue Single „Peu á peu“ handelt von Liebeskummer, man fühlt den Trennungsschmerz förmlich mit, wenn man das Lied hört. Nun bist du seit vielen Jahren verheiratet, deine letzte Trennung liegt entsprechend weit zurück. Wie schaffst du es, dieses Gefühl so authentisch zu transportieren?

Viele Leute haben immer gesagt, ich schreibe zu wenig Liebessongs. Und das stimmt wirklich, ist mir dann beim Durchhören aufgefallen. Diesmal habe ich, wenn ich ein großes Thema hatte, die Liebe irgendwie dazwischen geschrieben. z.B. bei dem Song „Vergangenheit“, das ist eigentlich auch ein Song über Liebe. Und auch bei „Peu á peu“ geht es eher darum, wie man Schmerz verarbeitet, wie geht man auseinander und was fühlt man dabei. „Liebe hat nicht ewig Zeit“ geht für mich eher um Schwebezustände und wie toll es ist, loszulassen und sich zu committen, also für ein Pro zu entscheiden. Der Liebeskummer könnte im Grunde also auch der normale Kummer sein. Es ist einfach besser spürbar, wenn es um die Liebe geht.

In „Einmal alles, bitte“ steckt der Appell, das Leben im vollen Zügen zu genießen, nichts auf morgen zu schieben, sondern sich das zu nehmen, was einen jetzt gerade glücklich macht. Gelingt dir das in deinem eigenen Leben?

Mir gelingt das ganz gut, aber ich habe mich irgendwann auch dazu entschieden. Ich bin super gut da drin, Cuts zu setzen und einfach zu machen. Und irgendwann habe ich das automatisiert. Ich hatte zum Beispiel damals Lust, mit dem Fahrrad von Kapstadt nach Namibia zu fahren und die Reise dann einfach gebucht. Und vorher habe ich dann 3 Wochen aufm Bau gearbeitet, um das finanzieren zu können. Aber schon seitdem ich denken kann, mache ich das so. Natürlich hat sowas auch immer viel mit Mut zu tun und mit den Privilegien, sich das finanziell und zeitlich leisten zu können. Ich kann mich da wirklich nicht beschweren und bin ganz gut darin, mich zu entscheiden. Ich langweile mich aber auch schnell.

BOSSE ist bekannt für seine poetische Texte und ansteckende Energie. (Foto: Claudia Feldmann)

Brauchst du diesen abwechslungsreichen Input als Inspiration? Wie schaffst du es auch nach 20 Jahren noch, so deepe Texte zu schreiben?

Erstmal bin ich ja Mensch und habe total viele Gefühle. Ich kann aber die Emotionen in Gruppen und Räumen auch ganz gut erfühlen und das ist auf jeden Fall schön. Mein Beruf ist es ja, sensibel zu sein für Situationen. Es ist bei zehn Alben und insgesamt vielleicht 200 Songs nicht leicht, noch Dinge zu finden, über die man singen möchte. Aber das Schöne ist ja, dass in allem Zwischenmenschlichen etwas Inspirierendes steckt. Und man wird ja auch älter, lernt und fühlt immer wieder etwas hinzu. Es kommt immer ein bisschen mehr Schmerz hinzu, Liebe, Verantwortung…das Leben ist eine verrückte Reise, auf der man immer mehr sammelt und damit klarkommen muss. Jetzt wo wir darüber sprechen, fallen mir schon wieder so viele Dinge ein, dass ich direkt das nächste Album machen könnte.

In einem Song singst du „mein Herz flackert für dich“. Was bringt dein Herz zum Flackern?

Bei all den Problemen und Sorgen, die die Menschheit gerade hat, mit unglaublichen, teilweise narzisstischen Vereinsamungen, die das Netz so mit sich bringt, macht mich das Zusammensein glücklich. Immer wenn es mir nicht gut geht, habe ich gute Leute, mit denen ich rumhängen kann und mit denen ich meine Zeit teilen kann. Das ist auch etwas, das ich mit den Jahren gelernt habe: Dass ich keine Lust mehr habe, mich mit Leuten zu treffen, um darüber zu sprechen, wie es mir ging, sondern ich habe Lust, Zeit mit ihnen zu verbringen, um gemeinsam etwas zu erleben. Das war für mich nochmal so ein Gamechanger. Trotz meines Berufes, wo ich so viel unterwegs bin, meine Zeit zu teilen mit meinen liebsten Leuten wie meinen Eltern – das bringt mein Herz zum Flackern.

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Du hast deinen ersten Plattenvertrag im Alter von 17 Jahren unterschrieben. Wenn du jetzt die Chance hättest, deinem jüngeren Ich einen Rat zu geben, welcher wäre das?

Ich hatte mit 17 das Problem, ich weiß nicht, ob du das kennst, aber so dieses Gefühl, alles ist viel zu groß für einen. Und alle sind viel cooler und schlauer als man selbst – das Gefühl hatte ich permanent. Das war natürlich auf der einen Seite ein guter Anreiz, um sich zu informieren und zu lernen, wie man Songs schreibt, aber ich würde meinem Ich von damals sagen: Hey, jetzt entspann` dich mal ein bisschen. Das ist alles schon gut und wird auch alles ganz okay. Das ist ein fehlgeleitetes Gefühl, das du da gerade hast.

Also „Hab weniger Selbstzweifel“?

Ja, es waren auch Selbstzweifel, wobei ich eigentlich immer einen okayen Selbstwert hatte. Ich bin sehr früh nach Berlin gezogen und hatte da schon das Gefühl, das ist alles ’ne Nummer zu groß für mich. Alle sind viel besser als ich. Das hatte ich meinem 17jährigen Ich erspart, wobei…all die Scheiße, die man so in sich trägt, die bildet ja auch einen Menschen. Aber ich hatte damals schon ganz schön viel Stress, so eine Mischung aus FOMO und Druck.

17 ist auch verdammt jung…

Viel zu jung, ja, aber ich hatte einen kleinen Schnurrbart, der hat mich geschützt. (lacht)

Der Sänger und seine Band brachte am Freitag eine prall gefüllte Halle Münsterland zum Mitfühlen und -feiern. (Foto: Claudia Feldmann)

Deine Texte klingen irgendwie allwissend, als hättest du das Leben gecheckt. Ist das so?

Das wage ich aber zu bezweifeln. Man kennt das ja, dass man immer besser daran ist, anderen Tipps zu geben als sie selber zu befolgen. Das heißt ja nicht, dass mein Leben und meine Gefühlswelt clever geregelt werden. Ich mache mir schon viele Gedanken und glaube auch, dass ich viel erlebt und gesehen habe. Und ich glaube auch, dass ich bei den Top 5- Entscheidungen in meinem Leben einen ganz guten Riecher hatte oder Glück. Aber ansonsten führe ich ein ganz stinknormales Leben mit all dem ganzen Scheiß, den andere auch haben. Und da mache ich sicherlich genau so viele Fehler wie andere auch. Allwissend kann man das nicht nennen.

In „Lass dich nicht ficken“ thematisierst du Hass im Netz. Hast du selber Erfahrung damit gemacht?

Ich habe eine Freundin, die eine sehr bekannte deutsche Journalistin ist. Sie hat einen Shitstorm bekommen und mir dann die ersten etwa 300 Kommentare als Bildschirmfotos weitergeleitet. Das Hauptwort, mit dem sie beschimpft wurde, war das F-Wort. Ich habe Ihr dann ein kleines Chanson geschrieben, was empowernd gemeint war. Sie meinte dann, ich solle das veröffentlichen, weil ich es voll auf den Punkt gebracht hätte.

Weil du dich näher mit der Perspektive der Betroffenen beschäftigt hast?

Absolut, über anderthalb Monate. Ich habe mich mit „HateAid“ weitergebildet und versucht, Spenden zu sammeln. Das Ergebnis meiner Recherche war, dass es zu 98% Täter, also Männer sind. Und zweitens ist digitale Gewalt auch Gewalt. Alle Menschen, die digital was abbekommen, nehmen es mit in die reale Welt. Meine Freundin hat tatsächlich einen Monat gar nicht arbeiten können, weil sie so bedroht wurde. Und die dritte Sache ist: Die Politik muss regeln. Alle hängen im Netz und das ist eben immer noch ein sehr rechtsfreier Raum.

Das ist ja auch nicht das erste Mal, dass du dich mit deiner Stimme und Prominenz für was Gutes einsetzt. Du hast die Anti-Rassismus Initiative „Hirn gegen Hass“ gegründet. Wie kam es dazu?

Ich habe damals eigentlich nur ein T-Shirt getragen, wo „Hirn gegen Hass“ draufstand, weil ich Shirts mit politischer Aussage auf großen Bühnen irgendwie immer gut fand. Und dann haben sofort 200 oder 300 Leute per Mail gefragt, wo sie das Shirt kaufen können. Also haben wir sie fair produzieren lassen und verkaufen sie kostendeckend, so dass 10 Euro an „Schule ohne Rassismus“ und „Schule mit Courage“ gehen. Wir plädieren für Vielfalt und glauben, dass man mit Bildung und Aufklärung den Hass minimieren kann. Letzten Sommer konnten wir zwischen 40.000 und 50.000 Euro spenden. Die Leute finden das super. und jetzt geht es weiter mit Caps, Aufklebern und Jutebeuteln… das ist ’ne ganz kleine, aber sehr gute Sache!

BOSSE im Interview mit ALLES MÜNSTER. (Foto: Claudia Feldmann)

Nochmal zurück zur Musik: Du schreibst sehr gehalt- und sinnvolle Texte. Wenn man das Radio anschaltet, läuft da oftmals genau das Gegenteil. Flache Songs, die zum Teil nur aus einem stumpfen Satz bestehen, der einfach immer wiederholt wird. Tut einem Poeten wie dir das weh?

Voll. Wenn man sich die deutsche Kulturlandschaft anschaut, wo gibt es denn überhaupt noch Flächen für Leute, die was zu sagen haben? Und damit meine ich jetzt erstmal nur Fernsehen und Radio – da glaube ich insgeheim, dass die da alle falsch beraten sind. Man hat das Gefühl, dass der Anschluss zu Inhalten komplett verloren wurde. Da gibt es sicherlich Ausnahmen. Es gibt im TV vielleicht so zwei, drei Sendungen, wo man überhaupt noch live Musik machen kann und es um Inhalte geht. Ansonsten haben sich TikTok und Instagram diese Bühne geschnappt. Und da ist das deutsche Radio für KünstlerInnen so irrelevant geworden, außer natürlich für die großen zehn, die rauf- und runterlaufen oder eben für so dullige Radiomusik. Das sieht man an den Einschaltquoten, die gehen immens zurück – und ich frage mich die ganze Zeit, wer da berät. Also ich bin es nicht, ich bin da nicht für. Manchmal kann man die öffentlich-rechtlichen so ab 21 Uhr hören, weil da neue Bands vorgestellt werden. Aber das kann man sich im Grunde auch im Netz zusammensuchen.

Was wünschst du dir für die Zukunft?

Ich hoffe auf Wahlergebnisse, die einen nicht im Strahl kotzen lassen. Privat hoffe ich, dass es den Leuten, die ich gern mag, gut geht. Ab einem gewissen Alter wünscht man sich vor allem Gesundheit, das ist einfach so. Und für meine musikalische Karriere wünsche ich mir immer nur, dass es so bleibt, wie es ist. Es wäre toll, wenn wir das noch so ein paar Jahre machen können. Aber sonst habe ich gar nicht so viel Wünsche.

Dankeschön für das nette Gespräch!

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