
Am Samstag wurde in der Innenstadt gegen die von der Gesetzlichen Krankenversicherung beschlossenen Honorarkürzungen von -4,5 Prozent für Psychotherapeuten und -therapeutinnen demonstriert. Sowohl für Therapeuten und -therapeutinnen als auch für Patienten und Patientinnen hätten diese „brutale“ Folgen, hieß es in den Redebeiträgen.
Es ist ein schöner Samstagvormittag in der Münsteraner Innenstadt. Die Sonne hat es geschafft, sich durch die Wolkendecke zu kämpfen und die Temperatur liegt bei angenehmen 17 Grad. Dementsprechend munter wirken auch die Demonstrierenden, die sich um 11 Uhr vor dem Haupteingang des Bahnhofs versammelt haben. Doch ihre Plakate sprechen eine andere Sprache.
„Einatmen, ausrasten“ steht auf einem, „I am psychotherapissed“ auf einem anderen. Der Grund dafür: Anfang Mai hat die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) beschlossen, die Honorare niedergelassener Psychotherapeutinnen und -therapeuten ab dem 1. April um -4,5 Prozent zu kürzen. Auf ihrer Website begründet die GKV das mit überproportional hohen Honorarerhöhungen in den vergangenen Jahren: Die durchschnittlichen Honorare seien seit 2013 um 52 Prozent gestiegen. Dem widersprechen die Psychotherapeuten und -therapeutinnen auf der Demonstration, dass die Honorare davor deutlich zu niedrig gewesen seien: „Es wird das Narrativ verbreitet, dass wir viel verdienen würden. Das ist schlicht falsch. Wir verdienen viel weniger als vergleichbare Fachärzte“, argumentiert Psychotherapeut Gebhard Hentschel in seinem Redebeitrag.
Nach Angaben der Polizei folgen mindestens 1.500 Menschen dem bunt bemalten Planenwagen, der die Demonstration vom Hauptbahnhof zum Stubengassenplatz führt, wo die Abschlusskundgebung stattfindet. Das Aktionsbündnis Psychotherapie Münster, das die Demonstration organisiert hat, spricht von 2.000 Personen. Unter diesen sind auch Hannah Wiemefoet und Pia Kamp, zwei Psychotherapeutinnen in Ausbildung. „Die Ausbildung ist lang und teuer“, erklären sie ihre Initiative, „das steht einfach nicht im Verhältnis mit den nun beschlossenen Kürzungen.“ Ein Argument, das auch die neu-approbierte Psychotherapeutin Stella Rohlmann in ihrem Redebeitrag darlegt.

Scharfe Kritik an den Kürzungen übt auch Psychotherapeutin Simone Schrunz: Die ambulante Psychotherapie mache lediglich 0,7 Prozent der Gesamtausgaben der GKV aus. Warum in diesem Bereich so massiv gekürzt werde, verstehe sie nicht. Damit riskiere man massive Folgekosten, fügt sie hinzu. „Nicht behandelte psychische Störungen sind sehr viel teurer als psychische Störungen zu behandeln“, erklärt Ulrike Heinze vom Aktionsbündnis Psychotherapie Münster im Hintergrundgespräch. „Jeder Euro, der jetzt in die ambulante Psychotherapie investiert wird spart zwei bis fünf Euro später.“
Karina Berger und Anne Zehrer, Psychotherapeutinnen in Ausbildung, rücken in ihrem Beitrag die negativen Konsequenzen für Patienten und Patientinnen in den Mittelpunkt: „Weniger Lohn bedeutet, das Arbeitspensum weiter anzuziehen: Quantität statt Qualität“, erklärt Zehrer. Deshalb bestehe die Sorge vor einer Abwanderung in die Privatbehandlung, was die Versorgung der gesetzlich Versicherten unmittelbar verschlechtere. Wartelisten seien ohnehin schon lang und der Bedarf an Psychotherapieplätzen steige stetig, ergänzt Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Anne Beuk.
Lautes Trommeln, schrille Pfiffe und kräftiger Applaus unterstützten die Redebeiträge aus der Menge. Mit so vielen Teilnehmenden aus Praxis, Weiterbildung und Studium habe man nicht gerechnet, so das Aktionsbündnis Psychotherapie Münster. Konkret fordern die Veranstaltenden „eine faire Vergütung psychotherapeutischer Leistungen und eine langfristig gesicherte Finanzierung der ambulanten Psychotherapie“, heißt es in einer Pressemitteilung. Die Demonstration gehört zu einer bundesweiten Protestbewegung, die das Aktionsbündnis Psychotherapie angestoßen hat.
