Fair schenken statt blind konsumieren Warum die Fair Toys Organisation nicht nur zu Weihnachten wichtiger ist denn je

Während in Münster Lichterketten brennen und Kinderaugen größer werden, herrscht in Fabriken in China, Vietnam oder Indonesien Hochbetrieb. (Foto: Thomas Hölscher)

Wie fair ist unser Spielzeug? Eine Frage, die nicht nur, aber gerade auch in der Vorweihnachtszeit gestellt werden muss. Aus diesem Grund hat ALLES MÜNSTER das Gespräch mit Maik Pflaum von der Romero Initiative gesucht, einer NGO aus Münster. Es zeigt sich, es gibt noch viel zu tun. Aber wie heißt es frei nach Bob dem Baumeister: Können wir das schaffen? Ja wir schaffen das! Aber…

Die Adventszeit läuft – die Zeit, in der die Spielzeugregale voll sind, Wunschzettel länger werden und viele Familien anfangen, Geschenke zu besorgen. Doch während in Münster Lichterketten brennen und Kinderaugen größer werden, herrscht in Fabriken in China, Vietnam oder Indonesien Hochbetrieb. Und genau dort entsteht ein Großteil unseres Spielzeugs.

Grund genug, einmal genauer hinzusehen. Dafür haben wir mit Maik Pflaum gesprochen, langjähriger Mitarbeiter der Romero Initiative (CIR) und Vorstandsmitglied der im Jahr 2020 gegründeten Fair Toys Organisation (FTO). Seit über 25 Jahren recherchiert und referiert er zu Arbeitsbedingungen in globalen Lieferketten – erst mit Fokus auf die Bekleidungsindustrie und seit rund 10 Jahren insbesondere in der Spielzeugindustrie.

Viele Probleme sind bekannt und benannt
Maik Pflaum ist langjähriger Mitarbeiter der Romero Initiative (CIR) und Vorstandsmitglied der im Jahr 2020 gegründeten Fair Toys Organisation (FTO). (Foto: Maren Kuiter)

„CE sagt nichts über Arbeitsrechte aus.“ Gleich am Anfang stellt Pflaum einen weit verbreiteten Irrtum klar: „Viele Eltern glauben, die CE-Kennzeichnung garantiere faire Produktionsbedingungen für das Spielzeug ihrer Kinder. Das tut sie nicht. CE steht ausschließlich für Produktsicherheit – nicht für Menschenrechte.“ Pflaum weiß, wovon er spricht. Die CIR hat über viele Jahre hinweg mit Partnerorganisationen wie z.B. China Labor Watch unzählige Recherchen in Fabriken durchgeführt. Das Bild ist eindeutig: lange Schichten, niedrige Löhne, Hitze und wenig Mitbestimmung sind nicht die Ausnahme, sondern leider noch immer sehr weit verbreitet.

Ein zentrales Problem ist dabei auch das Fehlen unabhängiger Arbeitnehmervertretungen. Denn nur starke Gewerkschaften und Betriebsräte können die Einhaltung von Sicherheitsstandards und fairer Löhne vor Ort wirklich garantieren. Organisationen wie die FTO legen deshalb Wert auf die Anerkennung der Koalitionsfreiheit, um den Arbeiter*innen eine Stimme zu geben und wirksame Mitbestimmung zu ermöglichen. Und besonders wenn die Weihnachtsproduktion auf Hochtouren läuft, wird es für die Arbeiter*innen oft noch extremer.

Saisonstress kurz vor Weihnachten

„Spielzeug ist in weiten Teilen ein saisonales Produkt“, erklärt Pflaum. „In den Monaten vor Weihnachten steigt der Druck massiv. Überstunden, Wochenendarbeit, Schichtsysteme – alles, um die Weihnachtslisten in Europa, Nordamerika und Australien zu bedienen.“ Und so kommt es, dass während wir in Münster Päckchen packen, Menschen am anderen Ende der Lieferkette in Fabriken sitzen und arbeiten – häufig unter Bedingungen, die viele hierzulande nicht nur schockieren würden. Unter solchen Bedingungen würde hier niemand arbeiten und erst recht nicht seinen Lebensunterhalt verdienen können.

Fair Toys Organisation – ein wichtiger Schritt nach vorn
Nicht nur zur Weihnachtszeit. In den Fabriken wird das ganze Jahr über im Akkord gearbeitet. (Foto: China Labor Watch)

Doch es gibt auch Fortschritte. Mit der Fair Toys Organisation existiert erstmals eine Struktur, die tatsächlich versucht, die Branche zu verändern – unabhängig, transparent und mit klaren Standards. Pflaum beschreibt es so: „Wir wollten weg von Audits, die nur auf dem Papier gut aussehen. Oftmals liegen zwischen den Überprüfungszeiträumen mehrere Jahre, in denen dann nicht mehr hingesehen wird. Die FTO legt den Fokus auf echte Verantwortung der Auftrag gebenden Unternehmen, überprüfbare Standards und kontinuierliche Verbesserungen.“ Unternehmen, die beitreten, verpflichten sich zu regelmäßigen Prüfungen, Transparenzpflichten und einer aktiven Verbesserung der Arbeitsbedingungen in ihren Lieferketten.

Auch in Münster ist das Thema angekommen: Spielwarenhändler und einige deutsche Marken setzen zunehmend auf Transparenz und längere Produktlebenszyklen – Trends, die dabei helfen können, die Preisspirale nach unten zu bremsen. Denn das schwächste Glied in dieser Kette sind die Arbeiter*innen. Sie tragen die Kosten für unsere scheinbaren „Schnäppchen“.

Was können wir als Konsument*innen tun?

Natürlich wollten wir wissen, was am Ende bei der Kundschaft ankommt – also bei den Familien, die in diesen Wochen Geschenke kaufen. Pflaums Antworten und Tipps sind bodenständig und können leicht von jedem umgesetzt werden:

  • Weniger kaufen, dafür bessere Qualität.
  • Langlebigkeit statt Wegwerfspielzeug.
  • Hersteller bevorzugen, die Teil der Fair Toys Organisation oder anderer glaubwürdiger Kotrolleinrichtungen sind.
  • Lokale Läden unterstützen, die meist mehr Überblick über ihre Lieferketten haben.
  • Und: im Geschäft nachfragen, ob und wie die Einhaltung von Arbeitsrechten überprüft wurde.
  • Second-Hand-Angebote nutzen, besonders bei Kleinkindspielzeug.
  • Wenn Technik verbaut ist, kann der Akku ausgetauscht werden?
  • Riechen. Klingt komisch, aber gerade bei billig und schlecht produzierten Produkten verbreitet sich beim Öffnen der Verpackung ein Geruch, der nicht angenehm ist und auf gesundheitsgefährdende Ausdünstungen hinweisen kann.

Sein wichtigster Satz: „Am Ende bestimmt unser Konsum, welche Produktionsbedingungen wir unterstützen – und welche nicht. Wir haben Einfluss – und sollten ihn nutzen.“

Die öffentliche Hand in der Verantwortung: Fair-Play in Kitas und Schulen

Die Verantwortung für faire Lieferketten endet nicht an der Ladentheke der Eltern; sie beginnt oft im öffentlichen Sektor. Städte, Kommunen und Landkreise, die jährlich signifikante Mengen an Spielmaterial für Kitas, Schulen und Freizeiteinrichtungen beschaffen, nehmen eine zentrale Rolle ein. „Die öffentliche Hand kann und muss hier als Vorbild und Beschaffungsmacht agieren“, mahnt der Experte. „Es reicht nicht aus, beim Einkauf lediglich gesetzlich vorgeschriebene Kennzeichen zu prüfen. Zumal diese in der Regel ausschließlich die Produktsicherheit garantieren, nicht jedoch die Einhaltung von Menschenrechten und fairen Produktionsbedingungen.“

Kommunale Vergabestellen sind daher aufgerufen, im Rahmen ihrer Beschaffungsvorschriften verbindliche soziale Kriterien zu etablieren. Dies bedeutet, Transparenzpflichten einzufordern, Hersteller zu präferieren, die sich an unabhängigen Standards wie der Fair Toys Organisation (FTO) orientieren, und somit aktiv gegen zu niedrige Löhne und lange, stressige Schichten in den Produktionsländern vorzugehen.

Nur durch klare Regeln und eine konsequente Anwendung fairer Kriterien in der öffentlichen Beschaffung kann sichergestellt werden, dass die Freude am Spielzeug in Münster nicht auf Kosten der Arbeiterinnen und Arbeiter in China oder Vietnam oder Osteuropa geht. Denn wie für Familien gilt auch hier: Die Kaufentscheidung bestimmt die Lieferkette, und dieser Einfluss muss genutzt werden.

Warum es ohne klare Regeln nicht geht

Die CIR war in den vergangenen Jahren eng in die Debatte rund um das deutsche und europäische Lieferkettengesetz eingebunden. Für Pflaum ist klar: „Freiwilligkeit allein reicht nicht. Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass Unternehmen ohne verbindliche Regeln kaum Anreize haben, echte Veränderungen umzusetzen.“ Gerade im Spielzeugsektor, wo Lieferketten oft verschachtelt und produktionstechnisch komplex sind, könne nur Regulierung sicherstellen, dass Menschenrechte eingehalten werden.

Ein faireres Weihnachten ist möglich

Das Gespräch endet mit einem Satz, der hängen bleibt – und genau zur Adventszeit passt: „Niemand soll an Weihnachten ein schlechtes Gewissen haben. Aber wir sollten wissen, dass unsere Entscheidungen elementar für die Lieferkette sind – und dass wir gemeinsam dafür sorgen können, sie fairer zu machen.“ Ein Satz, der zeigt: Bewusster Konsum bedeutet nicht Verzicht – sondern Verantwortung.

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