Ernst Hofacker: Für mich galt nie “Beatles oder Stones” Drei Fragen an den Musiker und Journalisten aus MS

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Ernst Hofacker am Lambertibrunnen. (Foto: Christoph Wüllner / Münster! Magazin)
Ernst Hofacker am Lambertibrunnen. (Foto: Christoph Wüllner / Münster! Magazin)

Nicht nur Buchmesse Leipzig und LitCologne. Das sogenannte Corona-Virus legt inzwischen alles lahm, was so gut wie alle zwischenmenschlichen Kontakte betrifft. Ernst Hofacker tauschte sich mit unserem Gast-Autor Marius Münster bereits Ende Februar aus. Marius Münster hat Ernst Hofacker Anfang der 1980er Jahre als “Ernesto Telcastro” kennen- und schätzen gelernt, als Hofacker die Truppe “Khomanski Beat” nicht zuletzt durch seine geile LeadGitarre jahrelang zu einer Ausnahmeerscheinung werden ließ im Sammelsurium der hiesigen CoverBands.

Ohne große Ankündigung war Hofacker plötzlich aus MS verschwunden. Und tauchte aus München wieder auf als Musikjournalist mit verblüffenden Nachrichten über Stars und Sternchen in BRAVO. Bald im ROLLING STONE-Magazin. Inzwischen ist Ernst in Münster zurück und hat – man höre und staune- beim Reclam-Verlag ein Mammutwerk über die 1970er-Jahre veröffentlicht.

Dieses Buch ist ein Muss ist für alle Menschen, die sich begeistern für die Zusammenhänge von Kultur und Zeitgeschichte dieses Jahrzehnts. Eine Dekade zwischen massenhaftem Star-Sterben (u.a. Hendrix, Joplin, Morrison) und musikalischen Neugeburten wie Punkrock.

Wir freuen uns, dass Ernst Hofacker uns ein erstes Interview nach seiner Zeit in München veröffentlichen lässt:

Hallo Ernst! Du wohnst seit über drei Jahren wieder in Münster nach einer langen und erfolgreichen Zeit als Journalist in München für die wichtigsten Musikmagazine der Republik. Heimweh gehabt?!

Ich hab fast 30 Jahre lang in München gelebt und bin seit dem Herbst 2017 wieder „dahoam” in Münster. ;-) 

Das Tückische daran: Als ich in München war, hatte ich oft Heimweh nach Münster, und jetzt habe ich lustigerweise oft Heimweh nach München. Kurzum: Ich hab inzwischen zwei Heimaten – eigentlich unmöglich. Aber schön: Ich hab das Beste aus zwei sehr unterschiedlichen Welten.

Ernesto Telecastro: Hofackers Spitzname ging zurück auf das Gitarrenmodell Telecaster. (Foto: Dieter Bodenhausen)
Ernesto Telecastro: Hofackers Spitzname ging zurück auf das Gitarrenmodell Telecaster. (Foto: Dieter Bodenhausen)

Bereits vor gut 12 Jahren hast Du mit der Veröffentlichung deines außergewöhnlichen Stones-Buchs bewiesen, dass Du abseits von Album-Kritiken und Musikerinterviews ein unglaublich großes Wissen hast an Fakten über die Musik vor allem der 1970er Jahre. Warum aber kannst Du dich so gar nicht für die BEATLES begeistern? In einem Facebook-Post hattest Du einmal sogar gefragt: “Hatten die jemals einen Hit?”

Ich weiß nicht, was ich im Lauf der Jahre für einen Unsinn auf Facebook abgesondert habe, aber eine solche Bemerkung über die Beatles kann nur ironisch gemeint gewesen sein. Zur eigentlichen Frage: Tatsächlich habe ich mein erstes richtiges Buch 2008 über die Rolling Stones geschrieben. Es heißt „Confessin’ The Blues – das Gesamtwerk der Rolling Stones 1963-2008” und ist eine recht erfolgreiche Werkschau, die inzwischen fünf Auflagen erlebt hat.

Es stimmt zwar, dass die Stones schon immer meine Lieblingsband waren. Aber: Auch die Beatles hab ich schon als Kind sehr gemocht. Mal abgesehen davon, dass seriöser Musikjournalismus nicht durch die Fanbrille blicken sollte. Für mich galt ohnehin nie “Beatles oder Stones?“, sondern von vornherein und bis heute „Beatles und Stones!“ ;-) 

2020 insgesamt inzwischen zehnte Buchveröffentlichung: „Die 70er. Der Sound eines Jahrzehnts“ (Reclam Verlag)
2020 insgesamt inzwischen zehnte Buchveröffentlichung: „Die 70er. Der Sound eines Jahrzehnts“ (Reclam Verlag)

Buchmesse Leipzig, LitCologne und so gut wie alle anderen Veranstaltungen fallen auch für Autoren bundesweit aus. Was kannst Du unter diesen Umständen als Resonanz auf Dein neues Buch über die Rock- und Pop-Musik der 1970er Jahre erwarten?

Zur Leipziger Buchmesse wäre ich jetzt sowieso nicht gefahren. Was die Resonanz auf mein neues Buch angeht: 

Ich hoffe, dass Kritik und Publikum erkennen, dass hier der – hoffentlich gelungene – Versuch unternommen wurde, die ungeheuer vielfältige und reiche musikalische Entwicklung der 1970er Jahre vor ihren zeitgeschichtlichen Kulissen zu untersuchen und vorzustellen. Natürlich gibt es da jede Menge spannende Geschichten zu erzählen. Aber genauso wichtig erscheint mir, dass der Leser ein paar Aha-Erlebnisse hat und das eine oder andere nach der Lektüre mit neuen Ohren hört. Ich würde mich freuen, wenn es auf diese Weise gelänge, auch im deutschsprachigen Raum Popkulturgeschichte einmal abseits der üblichen Fanbücher und Star-Biografien zu erzählen, ohne dabei zu langweilen oder gar sich in Feuilleton-Geschwurbel zu verlieren.

Das Interview führte für Alles Münster: Marius Münster

Biografie:

- Geboren 1957 in Recklinghausen
- Fachabitur 1979 in Münster
- Diplom als Sozialpädagoge 1982 in Münster
- 1983-1989 Berufstätigkeit als Dipl. Soz.-Päd. im Raum Münster
- seit 1975 als Drummer/Gitarrist in diversen Bands in Münster, die bekanntesten waren  in den 80ern Bow Street Runners, Khomanski Beat und Slow Turning.
- 1989 Umzug nach München und Arbeit bei Radio Charivari
- 1990-1992 Volontariat beim „Soundcheck" Musikermagazin
- 1992-1995 Redakteur bei „Bravo"
- 1995-2003 Redakteur bei „Musikexpress"
- 2003-2008 Textchef bei „Yam!"
- 2008-2010 Chefredakteur "Sounds by Rolling Stone"
- 2010-2013 Chefredakteur „Guitar Dreams“ 
- seit 2010 freiberufliche Arbeit als Journalist/Autor
- 2013 Auszeichnung als „Fachjournalist des Jahres“, Deutsche Fachpresse
- 2019 erster Roman „Flint oder der wundersame Gesang des Mellotron“ (Agenda Verlag, MS)
- 2020 insgesamt inzwischen zehnte Buchveröffentlichung: „Die 70er. Der Sound eines Jahrzehnts“ (Reclam Verlag).

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