Elegie eines Nichtakklimatisierten: Cavete Münster Wie Münsters erste Studentenkneipe entstand

Die Cavete, eine Institution in Münster Kuhviertel. (Foto: Bührke)
Die Cavete, eine Institution in Münster Kuhviertel. (Foto: Bührke)

Vor 68 Jahren sorgte der Jurastudent Wilfried Weustenfeld in der Ausgabe 7/1958 der Studentenzeitung „Semesterspiegel“ mit seiner Elegie „Cavete Münster“ für überregionales Medieninteresse.

In jenen Jahren waren Lateinkenntnisse bei allen Universitätsstudierenden selbstverständlich, und so durfte der Autor Weustenfeld erwarten, dass jenes „Cavete“ bei seiner studentischen Leserschaft die gewünschten Assoziationen wecken würde. Das lateinische „Cave Canem“ – als Warnschild etwa mit „Nimm dich vor dem Hund in Acht“ zu übersetzen – kam auch in der Befehlsform als Mehrzahl „Cavete“ vor; jenes „Hütet euch vor dem Hund“, von Weustenfeld auf seine Studentenstadt Münster übertragen, ließ sogleich erkennen, dass hier ein „nichtakklimatisierter“ Studierender ein bissiges Klagelied über das bürgerliche Leben im Münster jener Zeit angestimmt habe. Ein kurzer Auszug: „Münster: Die Stadt ist eine Enklave trister Langweiligkeit, das Nirwana auf Erden und ein Eldorado für Spießbürger.“ „Immerwährendes Glockengeläut, Weihrauch und behäbiges Pensionärswitwentum“ beklagte er. „Obwohl in Münster über 9000 Studenten leben, gibt es nicht ein einziges (!) Studentencafé, geschweige denn eine Studentenkneipe, Tanzbar oder gar einen Jazzkeller.“ Den Gaststätten in Münster attestierte er: „Eine verstaubte Gemütlichkeit von vor 100 Jahren. Keine Kneipe, wo auch nur ein Jota Stimmung wäre, falls man sie nicht schon selbst mitbringt.“

Das Echo ließ nicht lange auf sich warten

Der Rektor der Universität bestellte den Chefredakteur ein. Vom Geschäftsführer des Fremdenverkehrsvereins wurde Weustenfeld massiv angegriffen. Schlimmer noch! Über sein Protestschreiben berichtete die Presse deutschlandweit. Schlagzeile: „Student bricht Westfälischen Frieden“. Der Student Weustenfeld schrammte scharf an einer Exmatrikulation vorbei. Die vornehme, feine Gesellschaft verunglimpfte ihn, selbst Studierende ließen ihn links liegen. Lediglich Prof. Dr. Dr. Wilhelm Klemm, Rektor der Universität, bekundete ein ganz klein wenig Verständnis: Er missbillige zwar die unglückliche Wortwahl, aber der Text träfe doch einen wahren Kern: „Was den Studenten fehlt, sind Möglichkeiten, wo sie harmlos und ohne viel Geld ausgeben zu müssen jung sein können.“ Die Studierenden bat er um konkrete Vorschläge. Diesen Fingerzeig griffen Lothar Weldert und Werner Otto Jedamzik auf, zwei Studenten, die kein Geld und vom Gastronomiegewerbe keinerlei Ahnung hatten, stattdessen aber ein hohes Potenzial an jugendlichem Pioniergeist besaßen.

Die Geburtsstunde der Cavete

Mit einem von Rektor Klemm erstellten Empfehlungsschreiben fragten sie den Brauereichef und Direktor der Germania-Brauerei, Arnold Holtmann, ob sie von ihm eine kleine Lokalität in Pacht bekommen könnten. Holtmann überließ ihnen eine marode, abgewirtschaftete Kutscherkneipe im Kuhviertel. Als in der Stadt die Nachricht von der Gründung einer Studentenkneipe durchsickerte, wurde diese Neuigkeit erfreulich und tatkräftig unterstützt. Für gespendete Möbel aus Stilrichtungen von Biedermeier bis Vintage, kitschigen Firlefanz und Trödel sowie ausrangierten Hausrat sollte in der Cavete ein zweites Leben beginnen. Studis, Künstler und Gefängnisfreigänger schufteten gemeinsam auf der Baustelle. Begeisterte und gut betuchte Damen der Gesellschaft versorgten die Arbeitenden gratis mit Essen und Getränken. Sogar Rektor Klemm ließ es sich nicht nehmen, ein wenig an der Cavete-Baustelle mitzuhelfen. Er schaute nach, ob das Dach dicht war.

Die Cavete gehört zu den beliebtesten Kneipen in Münster. (Foto: Bührke)
Die Cavete gehört zu den beliebtesten Kneipen in Münster. (Foto: Bührke)

Westfälischer Friede wieder hergestellt

Mit Bier-Unterstützung von der Germania-Brauerei öffnete die Studentenkneipe „Akademische Bieranstalt Cavete“ am 28. April 1959 ihre Türen. Sie ist nicht nur die älteste Studentenkneipe Münsters. Sie ist auch das erste von und für Studenten betriebene Bierlokal Deutschlands. Von Beginn an brachen die Betreiber und ihre vorwiegend studentischen Gäste im Cavete mit alten Formalitäten. Sie duzten sich und genossen die Aufenthalte in legerer Erscheinung. Das bis dahin selbstverständliche Sie sowie die traditionelle Kleiderordnung – Anzug mit Bügelfalte und Schlips mit Einstecktuch – hatten in dieser Kneipe ausgedient. Genauso augenreibend ungewöhnlich las sich die erste Karte: Ein Pils: 35 Pfennige, ein Schnaps: 30 Pfennige, eine Frikadelle 40 Pfennige und ein Töttchen eine Mark, alles plus 10 Prozent fürs Anliefern. „Wenne wills, dann biste für drei Mark dick“, vermerkte ein Reporter der Münsterschen Zeitung.

In der heutigen, zeitgemäßen 16-seitigen Getränkekarte und der 12-seitigen Speisekarte findet fast jeder Gast, auch wenn er kein Studi ist, etwas Ess- und Trinkbares. Und, man staune: Es gibt sogar eine Kinderkarte! Nicht mehr zu finden sind die anfänglichen Frikadellen und das Töttchen. Stattdessen ist die Original Berliner Currywurst mit Pelle angesagt.

Bleibt am Schluss die Frage nach Wilfried Weustenfeld. Ihm wurde von den Betreibern für seine Semesterspiegel-Elegie unbegrenzt Freibier in der Cavete zugesagt. Angeblich hat er das Angebot nicht ein einziges Mal in Anspruch genommen.

Dieser Artikel ist erstmals in der MSZ 04/2025 vom 01.12.2025 erschienen.

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