
Fast vom Strauchwerk versteckt, neben einem Kiosk an der Münzstr. 1, direkt am Übergang zur Promenade, steht dort, wieder einmal mit linksextremer Parole „161 AFA“ (Buchstabe 1 für A, 6 für F und 1 für A. Antifaschistische Aktion) beschmiert, der Stein des Anstoßes. Der erste zornige Gedanke zur Schmiererei: Wie würden sich wohl diese AFA-Ultras verhalten, wenn sie, wie 1942/43 die deutschen wie auch die russischen Soldaten, den Befehl bekämen: „Du schießt oder du wirst erschossen!“ In Gedanken war ich bei zwei meiner in Stalingrad vermissten Verwandten.
Hinter dieser stets aufs Neue diskutierten Gedenkstätte befindet sich eine nach Urin riechende, meistens modrig-matschige Fläche, die zum Drogenkonsum einlädt. Wegen des rotfarbigen Geschmiere ist erst beim zweiten Blick erkennbar, dass lediglich zwei deutsche Divisionen „in Stein gemeißelt“ sind. Aber es waren doch weit über eine Millionen Soldaten beider Seiten, die in Stalingrad fielen, verhungerten, vermisst sind oder verwundet wurden! Und, als sei das noch immer nicht grauenvoll genug, sind hunderttausende Zivilisten während dieser Schlacht um Stalingrad zu Tode gekommen. Deutlich mehr als eine Million trauernde Angehörige beweinten den Verlust ihrer liebgewonnenen Menschen. Es gibt sie noch, die Senioren, die dieses Grauen live erlebten und als kleine Kinder den Verlust ihrer Väter hinnehmen mussten. Auch derer muss gedacht werden. Ehre wem Ehre gebührt, das gilt für Soldaten und Zivilisten. Um nachvollziehen zu können, warum an dieser Stelle lediglich zwei deutsche Divisionen „in Stein gemeißelt“ wurden, muss man sich in die zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts zurückversetzen.
Die Gedankenwende

1945, direkt nach Ende des zweiten Weltkrieges bis in die 50er Jahre war für die Überzahl der Bevölkerung das NS-Regime Schuld an der Katastrophe. Zunehmend wurde unterschieden zwischen aufrechten, pflichterfüllenden Soldaten und der schändlichen SS; Goldfasanen schimpfte man sie. Ab etwa 1955, nach der Wiederbewaffnung, entwickelte sich der Mythos einer Wehrmacht, die pflichterfüllend für Volk und Vaterland gekämpft hatte. Kriegstaten wurden oft als Anekdoten heldenhafter Abenteurer am Stammtisch erzählt. Heldenepen und erste Veteranenorganisationen gründeten sich. In dieser Zeit erhoben in Münster überlebende Stalingrad-Soldaten den Anspruch auf ein Heldenmal. Das Erlebte sahen sie als notwendig an. Schuld, ideologische Verblendung und Gräueltaten waren ausgeblendet. Dazu schrieb mir eine befreundete Ärztin: Das „tägliche Brot“ der Soldaten war Pervitin. Wenn sie es genommen hatten, gingen sie ohne nachzudenken, total aufgeputscht, aggressiv vor, um den Überlebenskampf zu gewinnen. Es galt nur noch „du oder ich“. Viele litten ein Leben lang unter ihren Taten, konnten es nicht mehr verstehen, und vor allen Dingen konnten sie es mit niemandem teilen. Mit zunehmend zeitlichem Abstand verschob sich 1968 „Generation der sozialen Protestbewegung“ der Fokus weg von der Opferrolle hin zur kollektiven Täterschaft. Aktuell haben viele Menschen wieder einmal Angst vor einem erneuten Kriegsausbruch in Europa.
Die Umwertung von Nazi-Worten und -Redewendungen

Im alltäglichen Sprachgebrauch blieben jedoch bis in die heutige Zeit Nazi-Vokabular und markige Redewendungen erhalten. Einige Beispiele gefällig? Zwischen Abteilungen gibt es Grabenkämpfe. Man muss die Stellung halten oder schwere Geschütze auffahren. Der Chef möchte einen Lagebericht, damit ein Schlachtplan erstellt werden kann. Mit Fragen wird bombardiert, wer an vorderster Front steht. Im Eifer des Gefechts darf nichts null-acht-fuffzehn sein. Jeder muss sich am Riemen reißen, auch dann, wenn er am Vorabend voll wie eine Haubitze war. Geradezu perfide und zynisch deuteten die Nazis die Wörter „Sterbehilfe“, „Gnadentod“ und „Betreuung / Betreuer“ um. In einem Satz zusammengefasst: „Von ‚Betreuern‘ bekamen geistig, körperlich oder seelisch kranke Menschen ‚Betreuung‘ in Form von ‚Sonderbehandlung‘, indem sie als unwertes Leben gebrandmarkt per Sterbehilfe zum ‚Gnadentod‘, dem Tod durch Mord hingeführt wurden. Das Wort Sterbehilfe ist inzwischen durch den Begriff Lebensende-Begleitung ersetzt. Aber wer denkt heute noch bei den Worten Kinderbetreuung oder Betreuung von Senioren an die menschenverachtenden Betreuer-Methoden der Naziherrschaft? Eine Sonderbehandlung in Form von Stockschlägen bekamen wir Jungs noch Anfang der 1960er Jahre von unserem undercover-NSDAP-Hauptlehrer in der Schule, wenn wir albernen Blödsinn machten.

Nie wieder oder schon wieder: Denk mal nach
Nie wieder Verdun, nie wieder Stalingrad, nie wieder Hiroshima!
NIE WIEDER KRIEG, so plakatierte es Käthe Kollwitz 1924. Die Realität sieht anders aus. Seit 1945 bis heute gab es lediglich ca. 26 Tage ohne Kriegsgeschehen in dieser Welt. Wahrscheinlich bleibt auch zukünftig der ethische Appell „Nie wieder Krieg!“ Illusion. Denn es wird immer irgendwelche Fanatiker geben, die das Recht für sich in Anspruch nehmen, recht zu haben und ohne Recht zu handeln. Solche, die skrupellos genug sind. Die, wie ab 1943 geschehen, Hunderttausende 16- 17-Jährige nahezu unvorbereitet als Kanonenfutter an die Front schickten; allein als Flakhelfer waren es 300.000 Jugendliche.
Vielleicht ist es ein umsetzbarer Vorschlag, den Stein des Anstoßes an der Münzstraße 1a zum Stein des Anstoßens umzuwidmen. Nicht mehr als Denkmal für Veteranen, sondern als zeitlich begrenztes Nachdenkmal für Jugendliche, die einen persönlichen Brief von der Bundeswehr bekommen. Sie hätten eine örtliche Stelle zur Entscheidungsfindung, welchen Beitrag sie zum Friedenserhalt einbringen möchten. Ob sie sich zum Frieden absichernden Soldaten ausbilden lassen wollen oder in welcher anderen Form sie sich für Einmütigkeit und Verständigung einbringen möchten.
Darum Kameraden, Veteranen: Dekonstruiert mental eure klassische Denkmalkunst und schafft an dieser Stelle einen Platz für soziale Verbundenheit. Überlasst der Generation Z die Entscheidung über Erhalt oder Abriss des Denkmals an der Münzstraße 1a.
Fotos: Bührke
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Ein sehr gut geschriebener Artikel!
Ich lese diese Artikel allesmuenster.de sehr gerne.
Dieser Artikel ist mir schon unter die Haut gegangen!
Aus meiner Sicht ist es wirklich Schade, das heute immer noch Menschen Gedenkstätten verschandeln!
Herr Scheller findet Da die richtigen Worte!