
„Woran denkt man bei dem Wort ‚Deluxe‘?“, fragt GOP-Direktor Hamid Reghat das gespannte Publikum am Donnerstagabend. „Vielleicht an den Duft eines wirklich teuren Parfums? Oder an den Glanz von Champagner in einem Kristallglas?“ zählt er auf und verspricht: „Egal, was Sie sich vorstellen – wir definieren ‚Deluxe‘ heute anders!“
Das artistische Ensemble vereint nicht nur Nationen aus aller Welt, sondern auch beeindruckende Akrobatik und Komik. Und zumindest zu einer dieser beiden trägt Moderator Jens Heinrich Claassen (bekannt u.a. aus der „Adam-Riese-Show“) maßgeblich bei. Der thematische rote Faden des Münsteraners: Er ist verzweifelter Single. Zur Freude des Publikums zeigt er am Klavier deutlich mehr Talent als beim Dating und kann sich in seinem literarischen Sumpf der Einsamkeit selbst musikalisch begleiten.
Zu seinem Song über Spieleabende, dem wahr gewordenen Albtraum für Alleinstehende, wird schon zu Beginn der Show mitgesungen und geschunkelt. ALLES MÜNSTER fragt, was ihn an der Zusammenarbeit mit dem GOP gereizt hat. „Ich liebe Varieté, ich finde diese Welt so zauberhaft. Und sie wird über zwei Stunden nie langweilig,“ erzählt Claassen und sollte damit Recht behalten.
Ganz still wird es im Saal bei der Performance von Diabolo-Künstlerin Hilary. Nicht wie „Frau und Gegenstand“, eher wie in einem tänzerischen Duett windet sich das Diabolo um sie – mal sanft, mal kraftvoll und dynamisch zu den elektronischen Beats von Faithless‘ „Insomnia“.
Was macht gute Akrobatik aus?
Etwas total leicht und beinahe selbstverständlich aussehen zu lassen, obwohl jeder einzelne Muskel im Körper angespannt und der Verstand maximal fokussiert ist. In der Show „Deluxe“ wird genau dieser Anspruch zwar auf sehr unterschiedliche Weise interpretiert – aber immer erfüllt!
Eingehüllt in die akustische Sanftheit von Ed Sheerans „Give me love“ wird Cléa Périon eins mit ihrem Cyr-Wheel. Die von ihr unter höchster Körperbeherrschung erzeugten Umdrehungen sorgen für einen surrealen Zustand irgendwo zwischen Traum und Schwerelosigkeit. Das Duo Gancho entführt uns in das „Restaurant Deluxe“, wo es im wahrsten Sinne des Wortes drunter und drüber geht! In ihrer rasanten Comedy-Akrobatik wechselt die Mimik im Saal von Faszination zu Lachen und zurück. Die beiden zu Charleston-Musik herumwirbelnden Männer erinnern an die Slapstick-Ikonen „Laurel and Hardy“ – allerdings deutlich trainierter!
An den Haaren herbeigezogen
Artistin Anastasiia Sholokhova sorgt in den ersten Sekunden auf der Bühne nicht nur für Staunen. Bei vielen Frauen im Saal löst sie als erste Reaktion ein schmerzverzerrtes Gesicht aus, denn Anastasiia macht nicht einfach nur Luftakrobatik – sie hängt einzig an ihren Haaren befestigt in der Luft! Und als sei das nicht schon beeindruckend genug, biegt sie ihren schwebenden Körper in Figuren, die an der Existenz von Knochen zweifeln lassen. Anmutig, zauberhaft und definitv „deluxe“.

Für eine Doppelpackung „Glitzer und Glamour“ sorgen die Crystal Ladies. Die eineiigen Zwillinge sind ein perfekt eingespieltes Duo, das beispielsweise mit dem Cirque de Soleil internationale Erfolge feierte. Zu „Diamonds are a girls best friend“ funkeln und jonglieren sie mit ihren Füßen um die Wette.
Den ausgebildeten Tänzer Ievgen Tykhonkov („Genia“) beschreibt Regisseur Karl-Heinz Helmschrot als „wie von Michelangelo gemeißelt“ – und trifft den folgenden Anblick damit auf den Punkt. Der Artist kreiert am Vertical Pole ein akrobatisches und ästhetisches Meisterwerk, in dem deutlich sichtbare Muskelkraft zu geschmeidigen Bewegungen wird. Eine Meisterin in Sachen Kontorsion, also für die meisten Menschen undenkbare Körperverbiegung, ist Sheyen Caroli. Im Handstand, mit dem Rücken zum Ziel und mit ihren Füßen schießt sie mit Pfeil und Bogen mitten ins Schwarze. Eine außergewöhnliche Leistung, mit der sie es 2017 in der Kategorie „Food Archery“ in das Guiness-Buch der Rekorde schaffte.
Eine einsame Socke
Den Rekord für „die häufigste Wiederholung über den eigenen Beziehungsstatus“ geht unterdessen an Moderator Claassen. Passend zum Thema widmet sich dessen Eigenkomposition der wohl größten Liebestragödie aller Zeiten: dem Verlust der zweiten Socke in der Waschmaschine. Da bleibt kein Auge trocken (vor Lachen). Dass der unfreiwillige Single ein brillianter Pianist ist, bestätigt er anschließend mit einem Medley aus seinen drei liebsten Liebesliedern: Lena, Sweet Caroline und Mandy. Im Interview mit ALLES MÜNSTER stellt sich die Frage, wie er sein Programm wohl füllt, wenn er nicht mehr alleine ist. „Ich hab mir darüber noch keine Gedanken gemacht, weil ich ja sehr alleine bin. Aber wenn es irgendwann dazu kommen sollte, wäre mein neues Thema wohl ‚Höflichkeit und Respekt‘, weil ich das so essentiell finde. Oder ich würde halt keinem sagen, dass ich in einer Beziehung bin und einfach so weitermachen“, lacht er.
Etwas, von dem Claassen aktuell aber noch träumt, verkörpern Konstantin und Hanna. Das Paar bringt mit seiner emotionalen Hand-auf-Hand-Akrobatik zum Ausdruck, was man sich unter Liebe vorstellt: mit Spaß und Leichtigkeit umeinander herwirbeln, sich voll und ganz vertrauen und einander auffangen, wenn man mal abrutscht.

Am Ende der vielseitigen und dadurch kurzweiligen zweistündigen Show zeigt sich das Publikum begeistert. Auch Moderator Claassen ist zufrieden, obwohl er das Programm im Gegensatz zu den Menschen im Saal definitiv nicht zum ersten Mal gesehen hat. „Da wir ‚Deluxe‘ vorher in Hannover gespielt haben, habe ich die Show nun insgesamt 102 mal gesehen – und fand sie auch heute Abend keine Sekunde langweilig,“ schwärmt er. Ist es nicht seltsam, jeden Abend die selben Witze zu erzählen? „Ja, ist es. Aber es ist nicht so schlimm wie ich gedacht habe. Comedy lebt ja immer von der Interaktion mit dem Publikum. Humor ist ja nun mal hoch subjektiv und jedes Publikum ist anders. Deswegen wird es nie langweilig, es macht mir sehr viel Spaß!“
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