Ein Münster-Original traditioneller Prägung Wer war Franz Essink?

Das Mosaik vor der St. Antonius-Kirche. (Foto: Josef Scheller)
Das Mosaik vor der St. Antonius-Kirche. (Foto: Josef Scheller)

In unmittelbarer Nähe der Antoniuskirche befindet sich auf dem Bürgersteig an der Moltkestraße ein Naturstein-Mosaik. Bei genauerem Hinsehen ist der Name ‘Franz Essink’ zu lesen. Was macht diesen Mann so besonders? Wir machten uns auf Spurensuche.

Offizielles gibt wenig über Frans (Franz) Essink. Von Bedeutung darf darum der Hinweis auf ein 1874 erschienenes Buch gewertet werden, dessen Mitautor der ehemalige Zoodirektor Professor Hermann Landois, war. Denn Landois und Essink lebten 36 Jahre direktemang nebeneinander. Frans Essink (1801 – 1871) wohnte im Haus Rothenburg 42, heute Restaurant Töddenhoek und Hermann Landois (1835 – 1905) wuchs im Haus Rothenburg 33/34 auf.

Vorne rechts stand das Geburtshaus von Frans Essink, etwas weiter hinten das von Prof. Hermann Landois. (Foto: Michael Bührke)
Vorne rechts stand das Geburtshaus von Frans Essink, etwas weiter hinten das von Prof. Hermann Landois. (Foto: Michael Bührke)

Landois beschreibt in deutscher Schrift und Münsterländer Plattdeutsch humorvoll und nachdenklich sowohl seinen ehemaligen Nachbarn Frans Essink, als glücklicherweise auch den Zeitgeist, den Alltag und Münsters Festivitäten um 1860. Ein kurzer Auszug aus Landois’ Vorwort: “Was wollt Ihr denn eigentlich mit eurem Frans Essink? Wenn man so sieht, wie heutigen Tages die Kinder von den Kirchspielschulen und die Dreiläufer (dreiviertel ausgewachsener Hase) auch auf dem Gymnasium alle über einen Leisten gezogen werden, dann kommen einem die Tränen in die Augen. Wie war das anders in der alten deftigen Zeit! Sie lernten damals erst lesen, und wenn sie das konnten, bekamen sie eine Latse (Schiefertafel) mit einem Griffel und fingen an zu schreiben und zu rechnen. Und wenn sie auch nicht weit mit der Gelehrtheit kamen, so blieben sie jedoch Menschen mit natürlichem Verstand. Heutigen Tages laufen sie alle wie zweibeinige Bücher herum; die Jahrgänge unterscheiden sich höchstens noch von der Zahl. Essink war noch nach der alten Manier erzogen, und Ihr sollt in ihm einen deftigen, alten münsterschen Paohlbürger kennen lernen.”

Seine Kindheit und Schulzeit, Beruf und sein alltägliches Leben
Das Haus von Frans Essink, das im zweiten Weltkrieg zerstört wurde, stand als Kuriosum unter Denkmalschutz. (Foto: Michael Bührke)
Das Haus von Frans Essink, das im zweiten Weltkrieg zerstört wurde, stand als Kuriosum unter Denkmalschutz. (Foto: Michael Bührke)

Frans Essink wurde am 25. April 1801 als Sohn von Josep und Settken (Joseph und Elisabeth) Essink geboren. Von Beruf war sein Vater Gelbgießer. Er fertigte aus Messing oder Bronze Schuhschnallen, Knieschließen, und andere Kleinteile. Frans war noch ein Kleinkind als seine Mutter starb. Vom Kiepenkerl vermittelt, heiratete sein Vater nach einem Jahr seine zweite Frau Drüksken (Gertrud). Als Fünfjähriger bekam Frans zunächst ein Schwesterchen, das den Namen der ersten Frau (Settken) erhielt. Ein Jahr später kam noch ein kleiner Junge hinzu. Seine Eltern ließen ihn auf den Namen Willem taufen.

Welch böse Überraschung für Frans, als er sieben Jahre alt wurde. Er und sein Vater trafen eher zufällig den Lehrer. Sie vereinbarten, dass Frans mit Beginn des nächsten Jahrgangs die Schule besuchen musste. Lernen, besonders das Schreiben, war für ihn eine Qual, die vom Lehrer mit körperlicher Züchtigung begleitet wurde. Erst mit 16 Jahren verließ Frans die Schule. Den Kommunion-Unterricht begriff er nicht, darum musste er zwei Jahre länger bleiben. Und die Bibel verstand er wegen der hochdeutschen Sprache kaum. Nun kam er bei seinem Vater als Gelbgießer in die Lehre. Viel zu früh verstarb sein Vater. Frans, kaum ausgebildet, vernachlässigte das Gelbgießen und arbeitete viel lieber in seinem Garten. Beides brachte ihm, gepaart mit bis zum Geiz gelebter Knauserei, einen Haufen Geld auf die hohe Kante. Mucke, so nannte er sein Dienstmädchen, versorgte zur äußersten Sparsamkeit verpflichtet den Haushalt, zwei Ziegen sowie zwei Schweine, die Frans stets als Kodden (Sechswochen-Ferkel) auf dem Telgter Markt kaufte.

Festlichkeiten und die große Prozession in Münster
Landois, hier die Plakette an seinem Geburtshaus, wohnte vorübergehend bei Frans Essink, seinem Großonkel mütterlicherseits, von der Familie Pollack her. Zog aber bald wieder aus, weil “et em dao to schmiärig wuor.” (Foto: Michael Bührke)
Landois, hier die Plakette an seinem Geburtshaus, wohnte vorübergehend bei Frans Essink, seinem Großonkel mütterlicherseits, von der Familie Pollack her. Zog aber bald wieder aus, weil “et em dao to schmiärig wuor.” (Foto: Michael Bührke)

Unterbrechungen vom Alltag waren die Wallfahrt nach Kinderhaus, wo Frans als Opfergabe “großherzig” einen Pfennig in den Kasten vom armen Lazarus warf und noch kurz zum Armenleutehaus ging. Der Münster Send mit Jahrmarkt und der Lambertus-Abend waren zwei weitere Abwechslungen von seinem Alltag. Aber ganz besonders wichtig war ihm jährlich die Große Prozession! Bereits drei Tage vorher fuhr er außerhalb der Stadt, um an der erstbesten Wallhecke Eichenlaub für Kränze zu stehlen. In seinem Garten hatte er Rosen und Dahlien genug. So konnte Frans viele bunte Kränze binden. Montagmorgens stand er bereits um drei Uhr auf und schmückte seinen Hausgiebel von unten bis oben mit diesen Kränzen. In die Fenster stellte er Heiligenbilder, daneben Blumentöpfe. Quer über die Straße hing er einen mächtigen Eichenkranz und mitten drin bümmelte ein Papierschild: “Hosanna und Alleluja”. Den Rest der Prozession ging Frans mit, über Rothenburg, Prinzipalmarkt und Domhof. In der einen Hand hielt er eine große Postille in der anderen einen mächtigen Rosenkranz, und er sang mit aller Gewalt das ‘ora pro nobis’ mit.

Dieser Große-Prozession-Montag war der einzige freie Tag im Jahr für Gesellen, Soldaten und Mägde, so auch für seine Dienstmagd Mucke. Nach dem Kaffee gingen sie auf die Kuhweide nahe dem Kaffeehaus und vergnügten sich mit Gesellschaftsspielen wie Blinde Kuh, Knüppel aus dem Sack, Vögelchen im Grünen oder Bäumchen, Bäumchen verwechselt euch.

Abschied von dieser Welt und sein Testament
Sogar eine Straße wurde nach Franz Essink benannt, sie liegt im Stadtteil Rumphorst. (Foto: Michael Bührke)
Sogar eine Straße wurde nach Franz Essink benannt, sie liegt im Stadtteil Rumphorst. (Foto: Michael Bührke)

Frans Essink blieb eher ungewollt bis ans Lebensende Junggeselle. Er starb am 31. Dezember 1871. Landois beschreibt den Trauerzug. “Alles ging mit. Die ganze Geistlichkeit, die Fahnen, die Fackeln, die Leuchter, die Lüchtjuffer. Die Leuteküster zogen an den Glockenseilen, was das Zeug halten konnte und spendierten sich dabei einen Bullenkopp (6 Liter Bier).

In seinem Testament hatte Frans Essink festgelegt: “Nach meinem gottgefälligen Absterben soll die Stadt Münster meine Erbin sein mit der Verpflichtung, tausend Taler (heute 36.000,- €) zum Besten des städtischen Clemenshospitals zu verwenden und das übrige Geld dem General-Armenfonds der Stadt zukommen zu lassen.” Im Verlauf von 14 Tagen wurden bei Gericht 23 Klagen eingereicht. Eine entfernte Verwandte, Mittin, verlangte 300 Taler für all das Essen, was sie Essink gebracht habe. Die Stadt musste ihr das Geld auszahlen. Das arme Dienstmädchen Mucke gab sich als Krankenwärterin aus und liquidierte 23 Taler. Die Klage wurde abgewiesen, weil sie Essinks Dienstmagd war. Sie erhielt lediglich ihren ausstehenden Lohn, drei Taler, vier Silbergroschen und zwei Pfennige.

1914 musste der Kirchhof, auf dem Frans Essink ruht, weichen. Grund war der Neubau der Antoniuskirche. Essinks Grab blieb an seinem Platz. 1958 erinnerte sich die Stadt daran und legte auf seine Grabstätte das Naturstein-Mosaik. Neben seinem Namen sind seine typischen “Insignien” erkennbar, der ungewöhnlich hohe Zylinder, Spaten, Harke und Regenschirm.

Der Hinweis auf das Grab von Frans Essink ist bis heute auf dem Fußweg an der Moltkestraße zu sehen. (Foto: Michael Bührke)
Der Hinweis auf das Grab von Frans Essink ist bis heute auf dem Fußweg an der Moltkestraße zu sehen. (Foto: Michael Bührke)

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