
Es kommt selten vor, dass Bands das Erscheinungsdatum ihrer Alben vorverlegen können, weil einfach mal alles gut läuft. Doch Jupiter Jones sind nicht nur musikalisch immer für eine Überraschung gut. Nachdem sie vor fünf Jahren wieder zusammengefunden und unter widrigen Corona-Umständen ein „zweites Debutalbum“ veröffentlicht haben, erscheint jetzt „Ich trag den Sarg, Du trägst was Buntes“. Kurz vor Erscheinen der neuen Platte hat sich Sänger Nicholas Müller die Zeit genommen, mit uns ausführlich über die neuen Songs, die Lage der Welt, vermeintlich unpolitische Künstler und die Zukunft der Musikindustrie zu sprechen.
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Ende des Monats erscheint eure neue Platte „Ich trag den Sarg, du trägst was Buntes“. Im Titel vermischen sich Düsternis und Hoffnung. Schlägt sich das auch in den Songs des Albums nieder?
Ja, ich glaube schon. Das machen wir schon so, seit es uns gibt. Ich finde es immer ganz schlimm, über eine traurige Sache zu schreiben und am Ende dann zu sagen: Eigentlich wird dann ja doch alles gut, wenn wir uns ein bisschen anstrengen. Das halte ich für etwas vermessen den Leuten gegenüber, denen es nicht so gut geht. Das ist genauso schlimm, wie einen Song gegen Nazis zu machen und dann am Ende zu sagen: Aber ich bin auch kein perfekter Mensch! Also so eine Selbstreflexion. Ich finde es immer ganz gut, bei einem Thema zu bleiben. Aber was wir schon immer gemacht haben, war, quasi für jedes traurige, in sich gekehrte, vielleicht sogar ein bisschen das Leben anzweifelnde Lied eins zu schreiben, das das Leben komplett bejaht. Wenn es einen Fixpunkt bei Jupiter Jones gibt, dann ist es das. Und deswegen ist der Albumtitel eigentlich ganz gut getroffen.
Dass ein Album früher veröffentlicht wird, als ursprünglich geplant (in diesem Fall vorverlegt vom 7. August auf den 31. Juli), dürfte Seltenheitswert haben. Was hat euch dazu bewogen?
Ja, das ist auch das erste Mal in unserer Karriere, sonst mussten wir immer nach hinten verschieben. Dieses Mal war es tatsächlich so: Wir haben schon alles da, wir haben alles vorliegen, die Produkte liegen beim Merchcowboy im Regal – warum also noch ewig warten? Und so sei es denn: 31.7.!
Was hat sich bei euch seit dem letzten Album „Die Sonne ist ein Zwergstern“ getan? Die Arbeitsweise am neuen Album dürfte sich ohne die strengen Corona-Regeln deutlich entspannter und vor allem gemeinsamer gestaltet haben.
Gemeinsam war es vorher auch, aber nur selten im selben Raum, was total befremdlich ist. Wir haben ja als stinknormale, sich jeden Mittwoch im Proberaum treffende Band angefangen, und dann sind irgendwann alle in sämtliche Himmelsrichtungen gezogen. Dann hatten wir aber trotzdem so ein ganz gutes Procedere, wo wir uns immer wieder gesehen haben und uns gegenseitig zwischendrin unseren Stand der Arbeit geschickt haben. Corona war dann eine ganz verquere Zeit, vor allem weil wir gerade erst angefangen haben, wir hatten richtig Bock. Und dann musste ich erstmal von einem befreundeten Arzt Corona-Tests besorgen, die gab’s da ja noch gar nicht im Supermarkt. Ich mag das Album [„Die Sonne ist ein Zwergstern“, 2022 – Anm. d. Red.] immer noch sehr, aber man hört ihm an, dass es Stückwerk war. Das war wirklich nicht ideal, wie das entstehen konnte und entstehen durfte.
Mittlerweile haben wir immer noch die Arbeitsweise, dass wir zuhause Dinge vorbereiten und uns gegenseitig zuschicken, aber wir konnten halt wirklich gemeinsam im Studio überall einen Strich drunter ziehen, konnten Sachen fertig machen, konnten eins zu eins Feedback geben. So ein ehrliches „Das find ich Scheiße“, das ist manchmal Gold wert. Wir haben geschrieben wie früher, das war richtig schön.

Seit eurer Neugründung 2021 sind nur noch Sascha Eigner und du offizielle Mitglieder von Jupiter Jones, bei Liveauftritten unterstützen euch befreundete Musiker. Hat sich dieses eher offene Konzept bewährt oder kristallisiert sich da inzwischen eine feste Besetzung heraus?
Es geht ja beides. Wenn man es ganz unromantisch haben möchte, dann sind Sascha und ich die GbR. Wir treffen die Entscheidungen – populär wie unpopulär -, wir tragen die Verantwortung in vielen Dingen. Wir sind aber auch die beiden, die die Band gegründet haben. Es ist auch schwer, nach 25 Jahren zu sagen: Ey cool, lass uns doch mal wieder ein ganzer Haufen Menschen sein. Aber wir haben für live meiner Meinung nach die grandioseste Besetzung gefunden, die wir jemals hatten. Das macht so viel Freude mit den Leuten, das ist ein absoluter Haufen superguter Menschen. Und die haben wir, wenn es irgendwie geht, auch immer mit dabei.
Die wiederum sind aber auch das, was man im Englischen „Hired Guns“ nennt, die spielen in vielen verschiedenen Projekten, dementsprechend weiß ich gar nicht, ob das bei denen überhaupt klappen würde, richtig fest in einer Band zu sein, mit all den Aufgaben, die man da so hat.
Und wirklich, da Sascha und ich uns aufeinander verlassen können, uns mittlerweile so gut kennen und auch wirklich gute Freunde sind: Zu zweit Entscheidungen zu treffen geht so viel schneller als zu viert oder zu fünft. Das ist wirklich nicht zu unterschätzen und ich find das auch sehr gut.
Im Studio spielen wir dann das selbst ein, was wir selbst einspielen können: Sascha die Gitarren, ich vielleicht auch hier und da mal eine Akustikgitarre, und ich singe natürlich. Wir schreiben die Songs zusammen, wir schreiben die Texte zusammen. Für das restliche Instrumentarium haben wir dann die Band da. Wir verlassen uns aber auch auf andere, z.B. „Wo diese Liebe hinfällt“ haben wir mit Jens Eckhoff, also Jean-Michel Tourette von Wir Sind Helden, zusammen geschrieben. Einen Song haben wir mit Ali Zuckowski – das ist tatsächlich der Sohn von Rolf Zuckowski – zusammen geschrieben. Wir sind musiktheoretisch komplette Nullen, da geht gar nichts. Ich liebe Musik, seit ich denken kann, ist Musik immer das Wichtigste, aber ich hatte keinen Bock, den ganzen Rotz zu lernen. Da hilft es dann, wenn jemand da ist und sagt: Das ist schön, dass du den Akkord da spielen willst, aber in keiner Welt, in keiner Skala, gehört der da rein. Produziert hat das Ganze tatsächlich Andi Weizel, die zweite Hälfte von Frida Gold und auch ein sehr guter Freund – und auch schon der Assistent unseres ehemaligen Produzenten, als wir das dritte und vierte Album aufgenommen haben. So lange kennen wir uns schon. Es ist also ein großer Haufen Freunde, auf den wir uns da verlassen können.
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Man findet auf „Ich trag den Sarg, du trägst was Buntes“ den typischen Indie-poppigen Sound, der euch einem breiteren Publikum bekannt gemacht hat und gerne im Radio gespielt wird – ich kann „Ich weiß es doch auch nicht“ oder „Wo diese Liebe hinfällt“ schon förmlich durch den Äther flimmern hören.
Ey, „Wo diese Liebe hinfällt“ ist Platz 14 der deutschsprachigen Radiocharts – und weiß du, was das in den Gesamt-Radio-Charts, wo alle Songs drin sind, bedeutet? Platz 160! Da stehen wir mit deutschsprachiger Musik! Aber das nur am Rande.
Es gibt aber auch durchaus härtere und rauere Töne, da darf der Bass mal gründlich knurren und die Gitarre auch mal etwas kräftiger zerren – bis hin zu richtig schönen Stadion-Rock-Gitarren bei „Paul McCartney stirbt“. Habt ihr euch stilistisch einfach von euren Ideen treiben lassen oder steckt ein Konzept dahinter?
Kein festes Konzept, eher so Referenzen: Das sollte ein bisschen klingen, wie… – und so ist es eigentlich das ganze Album über gelaufen. Die Songs entstehen auch sehr nach Tagesform, auch schon seit vielen Jahren, so dass die Leute gar nicht eindeutig sagen können: Ist das noch Punkrock, ist das Pop – oder vielleicht sogar Schlager? Das liegt daran, dass wir immer so schreiben, wie gerade der Tag und die Stimmung ist.
Auf dem neuen Album gibt es reichlich Platz für deutliche Statements. „Keine neuen Gründe“ ist eine schöne Abrechnung mit den schlechten Strömungen und Menschen in unserer Gesellschaft, auch in „Torpedo Mobile“ hört man Punkrock und Protest deutlich raus. Was sagt ihr zu Menschen, die meinen, Musiker haben gefälligst unpolitisch zu sein?
Ey, Alter! Das können die sich ja alle den lieben langen Tag lang wünschen, das nährt das Narrativ vom unpolitischen Menschen, was ich sowieso für Schwachsinn halte. Wie will ein Mensch unpolitisch sein? Gerade in Zeiten wie diesen. Wir haben das große Privileg, dass viele Leute vor der Bühne uns zuhören – und manchmal auch zuhören müssen, wenn sie nicht schnell genug die Beine in die Hand nehmen. Ich finde das ganz wichtig: Musik – und Kunst allgemein – war schon immer politisch. Warum sollten wir das jetzt, in Zeiten, in denen es nichts dringender braucht als politische Aufklärung und vor allem auch Haltung, sein lassen?
Ein Highlight des Albums ist sicherlich „Euren Töchtern geht es gut“, eine Kooperation mit Finna und Liser – wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Das ist eigentlich eine ganz einfache Geschichte: Finna ist schon länger eine Freundin, die kannten wir aus Hamburg aus dem ganzen Audiolith-Umfeld, wir haben sogar vorher schon mal versucht, was zusammen zu schreiben, das ist dann aber ein bisschen eingeschlafen. Liser habe ich tatsächlich in meinem „zweiten Leben“ als Dozent für Popmusik im Popcamp des deutschen Musikrats kennen gelernt, da war sie mit einem feministischen Rap-Projekt. Und dann hatten wir da diese Song-Idee, das „Euren Töchtern geht’s gut“ stand schon in meinem Notizheft, bevor Friedrich Merz gesagt hat, wir sollen mal unsere Töchter fragen. Das Thema stand also, und dann habe ich gemerkt, dass da eigentlich idealerweise gerappt werden müsste – das lasse ich aber besser! Und vor allem habe ich gemerkt, dass ich ein weißer, heterosexueller Cis-Mann in Deutschland bin – was soll mir also passieren, ich bin hier relativ sicher. Aber ich finde, wenn man so ist – wofür ich ja auch nichts kann – dann sollte man wenigstens solidarisch sein und sich verbünden. Natürlich kann ich nicht über das Leben einer Frau berichten, ich habe nie erlebt, mit dem Schlüssel in der Hand nach Hause gehen zu müssen oder mir sagen lassen zu müssen, dass ich weniger verdiene, nur weil mir der Penis fehlt. Deshalb war völlig klar, dass wir das Frauen bzw. FLINTA-Personen machen lassen müssen. Da war der Weg zu Finna und Liser dann relativ kurz.
Apropos Highlight, was sind deine persönlichen Lieblingssongs auf dem neuen Album?
Ich mag tatsächlich „Neunkircher Wald“ sehr gerne, den sehe ich ein bisschen in der Spätneunziger-Emo-mit-Pullunder-schlecht-rasiert-und-ein-bisschen-restalkoholisiert-Schiene. Dann mag ich „Paul McCartney stirbt“ wirklich gerne, unter anderem wegen des „Hair Crime“-Teils am Ende. Natürlich auch, weil ich das Bild so mag. Paul McCartney war für mich schon immer da, ich bin 1981 geboren, da war er schon zum ersten Mal weg vom Fenster, weil es die Beatles seit Jahren nicht mehr gab, und der ist jetzt immer noch da und bringt Alben raus. Der ist live auch eine Bank. Guck dir die Scorpions an, da fragst du dich, ob Klaus Meine die Show noch überlebt, während Paul McCartney ein Stadion weiter steht und die komplette Hütte abreißt. Die beiden Songs sind für mich ganz vorne mit dabei.
„Wo diese Liebe hinfällt“ mag ich auch, weil ich einfach ein sehr weiches Herz habe und dieser Song sehr viel über mein weiches Herz sagt. Lovesongs gehen sowieso immer. Du kannst nie keine Meinung zu Liebe haben. Die findest du entweder total super oder komplett Scheiße. Aber es guckt doch niemand auf Liebe und sagt: na gut, gibt’s halt.

Mit dem neuen Album geht es auch wieder auf Tour quer durch Deutschland, die Release-Show ist – zumindest bei euch im Shop – bereits ausverkauft, aber z.B. für Münster am 23.9.2026 in der Sputnikhalle gibt es noch Tickets, und das zu sehr fairen Preisen und exklusiv bei euch mit CD zum Ticket. Was steckt hinter der speziellen Bundle-Idee?
Eigentlich kann man auf die Charts pfeifen, aber CD-Verkäufe sind in dieser Branche leider immer noch ein Gütesiegel, genauso, wie man mit einem Bio-Siegel seine Lebensmittel besser verkauft. Wir müssen also CDs verkaufen – und dann verkaufen wir die doch gerne so, dass die Leute dann wenigstens noch auf ein Konzert können. Es ist also mehr oder weniger ein Geschenk an die Leute und ein Anreiz, in kleinen Shops – also direkt bei uns – zu kaufen. Wir wollen außerdem, genau wie unsere Freunde von den Donots, dass man unsere Tickets nicht nur bei den großen Konzernen mit ihren überzogenen Gebühren kaufen kann, sondern auch in den kleinen Läden hier vor Ort, in den Plattenläden, an den kleinen Vorverkaufsstellen. Das ist auch ein wichtiger Teil der Subkultur.
Und zum Abschluss: Was wünschst du dir für die Zukunft der Band?
Ganz ehrlich: Du kannst dir immer alles größer wünschen. Natürlich wäre das toll, wenn wir das alles noch mal hochskalieren könnten, wie man heutzutage in Businessdeutsch wohl sagt. Aber ich halte es für so krass, dass wir nach 25 Jahren Bandgeschichte weiterhin davon leben können. Nicht in Saus und Braus und oft genug auch so, dass ich mir ganz dringend eine Festanstellung wünsche. Wenn das bleiben darf, trotz der widrigen Umstände und trotz einer Branche, die sich wie diese Schlange Ouroboros selbst auffrisst, dann hab ich meinen Enkeln später eine Menge zu erzählen. Wenn das bleibt, dann ist alles gut. Und wenn wir doch nochmal einen Hit schreiben sollten, ist das auch ok – dieses Mal wissen wir dann auch damit umzugehen, wenn es soweit ist.
Vielen Dank für das Gespräch!
Jupiter Jones: "Ich trag den Sarg, Du trägst was Buntes" erscheint am 31.7.2026 bei Mathildas und Titus Tonträger (Broken Silence) und ist – ebenso wie Tickets zur Tour – unter anderem im Shop der Band unter https://www.jupiterjones-shop.de/neues-album-2026/ erhältlich.
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