
Würden Bagger anrücken, um die berühmten Londoner Abbey Road Studios in Schutt und Asche zu legen, das Entsetzen wäre vermutlich groß. Das unscheinbare Klinkergebäude am Dahlweg mit dem legendären Tonstudio der Beatles gleichzusetzen, wäre wohl etwas drüber, dennoch atmete das Haus im Südviertel Musikgeschichte, schließlich wurde hier unter anderem das Album „Forever Young“ von Alphaville aufgenommen, dessen namensgebender Titelsong bis heute zu den bekanntesten deutschen Popsongs aller Zeiten zählt. Seit gestern ist dieser Ort deutscher Musikgeschichte ein Trümmerhaufen.
Der münstersche Musiker Stephan Sundrup ist sichtlich angefasst, als er die Bagger bei der Arbeit beobachtet, schließlich hat er mit seiner Band „Daddy’s got the Biggest“ hier seine ersten Songs aufgenommen. „Mich erinnerte es daran, wie man den Tod beschreibt. Für einen kurzen Moment ziehen alle Erinnerungen an einem vorbei, die man mit diesem Gebäude hat“. Nicht nur Sundrup hat in dem Haus am Dahlweg 94 Musik aufgenommen, auch Marian Gold, Sänger der Band Alphaville, erzählt immer wieder gerne von den Aufnahmen für ihr erstes Album „Forever Young“, das den Weg vom Keller des Gebäudes buchstäblich in die Clubs und Radios weltweit angetreten hat. Um beim Refrain des Titellieds den nötigen Hall zu erzeugen, wurde der Gesang damals nicht im Keller sondern im Treppenhaus aufgenommen.

Die Bandmitglieder zogen Anfang der 80er von West-Berlin nach Münster, weil die Großmutter der damaligen Schlagzeugerin Ariane Mummert dort zwei Häuser besaß, das eine war das im Dahlweg, in dessen Keller dann das Erfolgsalbum entstehen sollte. Gewohnt haben die Musiker im vierten Stock, das Gebäude befand sich damals am Rande einer Industriebrache in Hörweite zum Güterbahnhof, wie Gold in einem Interview erzählte. Nachdem der Keller seine Schuldigkeit als Geburtsort von Welthits erfüllt hatte, zogen Alphaville wieder zurück nach Berlin. Der Hall des Treppenhauses am Dahlweg 94 erfüllt seither unsterblich die Wohnzimmer der Welt, wenn im Radio mal wieder „Forever Young“ erklingt.

Doch nicht nur Alphaville blicken hier auf ihre musikalische Frühzeit zurück, auch die Kultband Erdmöbel („Hoffnungsmaschine“) hat in den Kellerräumen ihre ersten beiden Alben aufgenommen. Der Gitarrist und Musikproduzent Manfred „Manni“ Schulz nutzte ebenfalls das Kellerstudio, um seine Kreativität auszuleben. „Ich weiß noch, wie ich Manni Schulz damals zum ersten Mal in der Tür stehen sah und gespannt war, was er zu meinen Songs sagen würde. Aber er sagte nicht, wie großartig sie sind, sondern eher, wo man etwas verbessern könnte. Die Aufnahmen waren dann Spitzenklasse, das Beste, was ich bis dahin hatte!“, erinnert sich Sundrup an sein zusammentreffen mit Schulz.
Insgesamt rund 40 Jahre diente der Keller als kreativer Ort für zahllose Musikerinnen und Musiker, dann wurde das Gebäude verkauft und der Abriss angekündigt. Laut BPE GmbH, die auf Bauprojekte und Entwicklung spezialisiert ist, sollen auf dem Gelände „moderne, kompakte Singlewohnungen in attraktiver, zentraler Lage“ entstehen. Ob das Gebäude einen Keller haben soll und ob sich dieser dazu eignen wird, Welthits zu produzieren, verrät die Webseite der Firma allerdings nicht.
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Ich habe den Artikel heute durch Zufall gefunden. Ich habe als Studentin von 1995 bis 1998 dort gewohnt und war tatsächlich nie im Keller. Ich hatte keine Ahnung, was sich dort verbirgt. Schon krass und schade, dass dieses Stück deutscher Musik Geschichte jetzt nicht mehr existiert.