
Münster hat in diesem Jahr ein prominentes Geburtstagskind: Die Halle Münsterland feiert ihr 100-jähriges Jubiläum. Ein hervorragender Anlass, im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten auf bisherige musikalische Meilensteine zurückzublicken – und einen weiteren zu setzen. Die Künstlerauswahl für den Freitagabend ist zumindest vielversprechend: Mit dem Star-Geiger David Garrett beweist der Veranstaltungsort einmal mehr, wie abwechslungsreich die hauseigenen Events sein können.
Der bestuhlte Konzertsaal wird dunkel, die letzten Gespräche werden eingestellt und alle Augen sind auf den Bildschirm über der Bühne gerichtet. Dort zeigt die Visualisierung von Herztönen einem immer schneller und lauter werdenden Herzschlag. Boom, boom….bis eine tiefe Stimme aus dem Off die steigende Anspannung unterbricht. „Ladies and Gentlemen, welcome to the Millenium Symphony-Tournee…“. Zu kraftvoll pulsierenden Scheinwerfern erahnt man die Melodie von „Seven Nation Army“. „And here is David Garrett!“ Im roten Nebel erscheint die unverwechselbare Silhouette: Ein schlanker Mann mit tiefsitzendem Dutt und Geige in der Hand.
Bekannte Hits aus 25 Jahren
Auf seiner derzeitigen Deutschland-Tour präsentiert Garrett sein 2024 erschienes Album „Mllenium Symphony“, eine Kollektion aus den größten Hits der letzten 25 Jahre. Der deutsch-amerikanische Violinist ist bekannt für seine musikalische Experimentierfreude. Trotz oder gerade wegen stilistischer Kontraste macht er sich Lieder zu eigen, die man erst einmal nicht mit Klassik in Verbindung bringen würde. Darunter Beyoncés „Naughty girl“ und den spanischen Chart-Hit „Despacito“.
Auf seiner Website heißt es „Ein absolutes Hit-Feuerwerk mit symphonischen Pop-Neuinterpretationen“. Nach strahlenden Raketen und Leuchtfeuern hält man am Freitagabend allerdings vergebens Ausschau. Die anfängliche Stimmung gleicht eher einem Tischfeuerwerk. Das mag der offensichtlichen Tatsache geschuldet sein, dass es sich trotz Popularität des Frauenschwarms immer noch um ein Klassik-Konzert handelt. Bei anderen Künstlern kann inbrünstig mitgeträllert werden – hier singt nur eine: Die historische Geige. Des Weiteren besteht das Publikum nicht ausschließlich aus gezielten Konzertgängern, sondern auch aus geladenen Gäste der vorangegangen Jubiläumsfeier. Während viele Musiker Live-Auftritte für Interaktionen mit den Fans nutzen, umgibt Garrett eher eine Aura von Unnahbarkeit. In der Anmoderation seiner Songs bedient er sich weder großer Worte noch persönlicher Anekdoten. Es ist deutlich, warum er auf der Bühne steht. Nicht um Party zu machen, nicht um herumzualbern, nicht um seine Fans kennenzulernen. Dieser Mann hat nur eine Mission: Geige spielen.

Stimmungs-Tendenz steigend
Die gute Nachricht: Das westfälische Temperament braucht zwar etwas mehr Anlaufzeit, kommt an diesem Abend dann aber doch noch in Bewegung. Bei Aviciis „Wake Me Up“ erreicht Garrett immerhin schon einmal ein kollektives Aufstehen und bei der Ankündigung von Rammsteins „Mein Herz brennt“ geht sogar ein lautes Raunen durch die Reihen. Begleitet von Schlagzeug, Gitarre und Flammenmotiv erreicht der Musiker mit dieser Nummer den atmosphärischen Wendepunkt und bis dato lautesten Applaus des Abends. „Den nächsten Song kennt ihr. Es darf mitgesungen werden“, motiviert Garrett sein Publikum und spielt seine eigene Version von Ed Sheerans „Shape Of You“.
Mit Upbeat-Stücken wie „Blinding Lights“ und „Survivor“ geht es nach der Pause deutlich dynamischer weiter. Rihannas „Russian Roulette“ wird durch die Violine auf ein neues dramaturgisches Level gehoben. Selbst vor Nummern wie „Smooth Criminal“ schreckt Garrett nicht zurück und beeindruckt mit einer schwindelerregenden Streich-Geschwindigkeit. Zu einem Medley aus kraftvollen Rock-Hits erscheinen an der großen Leinwand Fotos des Musikers, dessen Liebe zur Geige schon mit vier Jahren begann. Und plötzlich ertönt eine rockige Version von Beethovens 5. Sinfonie. Nicht nur eine stilistische Überraschung, sondern ein Moment, der trotz energischem Geräuschpegel ganz anders wirkt als die bisherigen. Persönlicher. Als käme Garrett nach Hause, nachdem er sich draußen in der Charts-Welt ausgetobt hat.
Mit Coldplays melancholischer Hymne „Viva la vida“ schließt Garret seine Show und überrascht mit einer absoluten Ausnahme. „Eigentlich mache ich sowas nie…“, kündigt er seine kleine Zugabe für die Halle Münsterland an. Und dann erklingt in den Wänden des geschichtsträchtigen Geburtstagskindes ein gefühlvolles „Happy Birthday to you“.
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Das Konzert war klasse. Die belebende und berührende Energie, die von David Garretts Musik ausgeht, trägt mich immer noch. Ich habe großen Respekt und seit vielen Jahren Freude daran, wie er Musik sorgfältig erkundet, um sie dann brillant neu erklingen zu lassen.