Von dem, der auszog, um heimzukehren Clueso spielte am Abend im Rahmen seiner "Deja-Vu"-Tour in der Halle Münsterland

Bei Clueso und seinen Fans strahlen die Augen. (Foto: Thomas Hölscher)
Bei Clueso und seinen Fans strahlen die Augen. (Foto: Thomas Hölscher)

Münster ist der dritte Stopp auf Cluesos „Deja-Vu“-Tour. Und die Fans in der Halle Münsterland dürften ein eben solches „Deja-Vu“-Gefühl erlebt haben, denn nicht nur bei den Klassikern aus der Vergangenheit, sondern auch in den neuen Songs fanden sie ganz viel von ihrem „alten“ Clueso.

Man merkt es dem Energiebündel in Trainingsjacke nicht an, aber der 45-jährige Sänger blickt tatsächlich schon auf 25 Jahre Musikkarriere zurück! Im Februar erschien mit „Deja-Vu 1/2“ sein zehntes Studioalbum, das direkt auf Platz 1 der deutschen Album-Charts gelandet ist. Die Platte scheint an frühere, gefühlvollere und vielleicht authentischere Werke zu erinnern. Clueso lässt uns teilhaben an seinen Tagträumen, Kindheitserinnerungen und der ewigen Suche nach sich Selbst. Und vielleicht lohnt sich für Letzteres eben manchmal ein Schritt zurück…

Total entspannt, als stünden vor ihm nicht Tausende von Fans, schlendert Clueso auf die Bühne. In seiner Hand eine Gitarre, auf seinen Lippen bekannte Zeilen: „Sie ist immer da, wo was los ist, immer mitten in der Stadt…“. Alleine singen muss er „Chicago“ nicht – das Publikum in der fast ausverkauften Halle Münsterland ist textsicher.

Ein Song für Vati

„Der nächste Song ist für meinen Vati. Nach vielen Jahren konsequenter Abnabelung habe ich gemerkt: Ich bin wie mein Vater! Ich latsche rum wie er, sage Dinge wie er und umgebe mich gerne mit Menschen, die Leichtigkeit ausstrahlen“, erzählt der Sänger offen. Er habe ein bisschen gebraucht, um „wieder nach Hause zu kommen“ und genieße die Nähe nun umso mehr. Und während solche Selbstreflexionen bei anderen nach einem Therapeuten-Seminar klingen, verwandelt Clueso diese komplexen Gefühle in sanfte Poesie, die dann in Form eines „Ballons“ (so heißt nämlich der Song) durch den Saal schwebt und hier und da einen liebevollen Gedanken an die eigenen Eltern wachkitzelt.

Singer / Songwriterin LOTTE war das Vorprogramm für Clueso. (Foto: Thomas Hölscher)
Singer / Songwriterin LOTTE war das Vorprogramm für Clueso. (Foto: Thomas Hölscher)

Für das bittersüße Duett „Wenn Du liebst“ holt sich Clueso zur Verstärkung LOTTE auf die Bühne. Die Singer-Songwriterin präsentierte im Vorprogramm akustische Einblicke in ihr neues Album „Wenn du tanzen willst“.

Keiner mag Liebeskummer, aber warum hören wir so gerne Lieder über unerfüllte Liebe? „Hätt‘ dir ’n Kino gebaut, nur damit du mich küsst… doch der Film hat ein Ende, bei dem keiner gewinnt….“, heißt es in dem neuen Song „Liebe auf den letzten Blick“, ein Stück, das Clueso gemeinsam mit Gitarrist Anton Weigel geschrieben hat.

Huch, wo kommt der denn her?

Fans, die lange vor dem Einlass vor der Halle gewartet hatten, um in der ersten Reihe zu stehen, sind an dem Abend nicht durchweg im Vorteil. Plötzlich performt Clueso auf einer Loge inmitten von freudig-überraschten Zuschauerinnen. Der dafür ausgewählte Song „Dein größter Fan“ spricht in diesem Moment wohl so einigen aus der Seele.

Die Intensität der Atmosphäre liegt sicher auch in der Synergie, die mit seiner Band besteht. Seien es herzzerreißende Saxophon-Einlagen oder Schlagzeuger Tim Neuhaus, der die unendlich erscheinende Energie des Sängers mit seinen Kicks und Drums noch einmal überbietet. DJ Beathova heizt am Mischpult mit einer funky Version von „Freidrehen“ ein und legt temperaturmäßig noch einen drauf mit „37 Grad im Paradies“.

Alles zu seiner Zeit

(Foto: Thomas Hölscher)
(Foto: Thomas Hölscher)

Und da ist er wieder: der rote Faden der Selbstfindung. Die Zeilen zu „Heimatstadt“ („irgendwann komm‘ ich zurück zu dir …“) auf der Melodie von „Mr. Brightside“ von The Killers – während 90er-Grafiken über die Leinwand fliegen. Wie galant sich die Vergangenheit in das Hier und Jetzt einweben lässt, beweist auch der Song „Verrückter Sommer“. „Der Song ist auf meinem neuen Album – aber eigentlich ist er aus dem Jahr 2006“, erzählt der Sänger. „ Also, Leute, wenn ihr irgendwann ‚mal ’ne verrückte Idee hattet – die ist noch nicht gestorben!“

Der Titelsong zur Tour darf natürlich nicht fehlen. Die im Juni 2025 veröffentlichte Single „Deja-Vu“ sorgt im Saal für sofortige Stille. Nur vom Klavier begleitet erzählt Clueso, wie er seiner Ex zufällig auf einer Party begegnet und ihn sein Schmerz und die Missgunst über deren neues Glück überwältigt. Das andächtige Schweigen des Publikums gleicht einer Anteilnahme. Selbst am Ende des Songs ertönt nur ein zaghafter, sanfter Chor aus den Reihen.

Aus diesem Liebeskummer holt Clueso seine Fans aber sofort wieder heraus und setzt mit Udo Lindenbergs „Cello“ ein weiteres Highlight des Abends. „Und heute wohnst du in Münster und dein Cello steht im Keller… komm hol‘ das Ding doch nochmal raus und spiel‘ für mich…. Trompete!“, übergibt Clueso an Bandkollegen Konstantin Döben, der mit seinem Trompeten-Solo für Gänsehaut und glasige Augen sorgt.

Als Clueso und Band nach dem (zugegeben recht unglaubwürdigen) Abschied zurück auf die Bühne kommen, fragt man sich, welche Songs noch für die Zugabe in Frage kommen. Man hat doch schon mindestens fünf seiner absoluten Lieblingshits gehört! Und dann stellt sich der Sänger mitten in die Menge und performt „Gewinner“.

Das Ticket für diesen Abend ist nicht nur die Eintrittskarte in die Konzerthalle – es ist die Fahrkarte für eine Reise durch Cluesos facettenreiche Gefühlswelt. Rebellisch, romantisch, melancholisch, unbekümmert und alles dazwischen.

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