Club Charlotte – Abriss oder Rettung

Karl-Bernd Werning - Der Mann hinter dem Club Charlotte (Foto: th)
Der Mann hinter dem Club Charlotte – Karl-Bernd Werning (Foto: th)

„Im Club Charlotte hat es sich endlich aus gefeiert. Die Disco muss schließen, aber das war ja eh nur eine Frage der Zeit. Es war doch von Beginn an klar, dass sich so ein Laden nicht halten kann. Den Weg dorthin nimmt ja auch niemand auf sich. Kein Wunder, dass dieser Club schließen muss, die DJs kennt keiner und die spielen nur Techno.“ ALLES MÜNSTER wollte wissen, was wirklich Sache ist. Wir trafen uns mit Karl-Bernd Werning, dem Geschäftsführer der „Lotte“.

Nachdem die Meldung über das bevorstehende Aus des „Club Charlotte“ öffentlich wurde, waren die in der Einleitung genannten Aussagen definitiv die häufigsten Reaktionen zu diesem Thema. Als man dann danach noch etwas von 120.000€ an benötigten Spendengeldern hörte, die in einem Monat alles wieder ins Reine bringen könnten, wurde nur noch lachend abgewunken. „Ach ja, in dieser kleinen Phantasiewelt, in der die Goa-Leutchen leben, ist das vielleicht umsetzbar. Das schaffen die niemals, vor allem nicht in der kurzen Zeit. Warum ist denen das denn nicht früher eingefallen, wo das Ding noch nicht gegen die Wand gefahren war….“.  Und wieder erhielt man die gleichen Reaktionen zu diesem Thema. Zusammengefasst waren sich die Münsteraner zumindest gefühlt schon sehr sicher, dass dieses „Feier-Völkchen“ an Münsters Stadtrand demnächst wohl einen neuen Platz für seine Parties finden muss.

Doch genau dieses „Feier-Völkchen“, samt seiner unbekannten DJs, die immer diese Techno-Musik spielen und toll finden, wurde ganz schön unterschätzt. Die Besucher des „Club Charlotte“ zeigen aktuell, wie stark der Zusammenhalt unter ihnen und wie wichtig die „Lotte“ für diese Musikszene in Deutschland ist. Allen voran Karl-Bernd Werning, der sich mit diesem Club einen Lebenstraum erfüllte und ihn nun nicht „kampflos“ aufgibt. „Hier in der Lotte steckt so viel Liebe, Arbeit und Herzblut drin, das kann man sich gar nicht vorstellen. Wenn ich nur daran denke, dass in ein paar Monaten hier ein paar Bagger kommen und alles niederreißen, bricht es mir das Herz“, sagt er uns im Interview.

„Liebe, Arbeit und Herzblut? Das ist doch nur eine Disco!“ Das ist durchaus ein Gedanke, der aufkommen könnte. Als wir dann aber eine Führung durch die Location erhalten, wird ganz schnell klar, was der Discochef damit meint. Alles in diesem Club wurde selbst zusammen gezimmert und ist in mühevoller Handarbeit entstanden, jeder Raum und Platz darin hat eine ganz eigene Entstehungsgeschichte.

Mit der Familie feiern

Ein Teil der "Wohnzimmereinrichtung" in der "Lotte" (Foto: Werning/Club Charlotte)
Ein Teil der „Wohnzimmereinrichtung“ in der „Lotte“ (Foto: Werning/Club Charlotte)

Im Laufe der Unterhaltung merken wir deutlich, dass es sich bei der Charlotte nicht um eine Disco handelt, die nur auf kommerziellem Erfolg zielt und das Augenmerk auf gewinnorientierte Parties legt. „Das ist unser Wohnzimmer, in der die ganze Familie zusammenkommt und ein Zuhause hat.“, erklärt Werning, der von jedem nur „Kalle“ genannt wird und fügt hinzu: „Dabei wollten wir effizient arbeiten und unserer Philosophie treu bleiben, also anspruchsvolle Clubmusik auf einer der besten Anlagen überhaupt in einem alternativen, kreativen und toleranten Setting zu präsentieren. Wir wollen das Erleben von Topkünstlern in Wohlfühlatmosphäre für alle möglich zu machen.“

Die Leser-Votings des FAZE-Magazins (6. Platz der besten Clubs im deutschsprachigen Raum) zeigen deutlich, dass diese Einstellung nicht die Ursache für das aktuelle Problem sein kann. Bei der ganzen Mühe, die man in die Planung dieser herzlichen Atmosphäre und in die individuellen Parties steckte, überschätzte man das Wachstum an Bekanntheit über die Stadtgrenzen hinaus etwas. Trotz persönlichen Verzichts und jeder Menge Eigenleistungen sind so im Laufe der Zeit Schulden aufgelaufen. Vor allem bei öffentlichen Stellen, wie dem Finanzamt, der GEMA oder Krankenkassen steht man in der Kreide. Dies führte schnell zu einem Loch von 120.000€ in der Kasse. Um dieses Loch zu schließen und den Club zu retten, wandten sich Karl-Bernd Werning und sein Team mit ehrlichen Worten an die Besucher und „Kinder der Lotte“. Er erklärte die aktuelle Lage und bat um Hilfe. Damit alles auch wirklich für jeden transparent und nachvollziehbar ist, wird die Spendenaktion über eine offizielle Plattform für Crowdfounding abgewickelt.

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Ehrliche Worte an die Besucher der Charlotte

Anfangs unvorstellbar, nun in greifbarer Nähe

Das anfängliche Ziel dieser Aktion ist das Erreichen einer Summe von 120.000€ innerhalb von knapp zwei Monaten. Während Außenstehende diesen Versuch wohl als letzten Griff nach einem Strohhalm abtun, entbrannte unter den treuen Anhängern der „Lotte“ ein wahres Feuerwerk an Hilfsbereitschaft. Es gehen nicht nur unzählige Spenden auf der offiziellen Crowdfunding-Plattform ein, auch werden Kleidungsstücke für einen Flohmarktverkauf vorbei gebracht und plötzlich in ganz Deutschland Supporter-Parties veranstaltet.

Mit solch einem Ansturm von hilfsbereiten Gästen des Clubs und finanzieller Unterstützung aus der Musikszene hatte wohl niemand gerechnet. „Es ist unvorstellbar, was sich die Gäste alles einfallen lassen, um die Lotte zu retten“, sagt Werning gerührt und ist fassungslos angesichts des Supports. Durch die Unterstützung  konnte man das Ziel der Founding-Aktion bereits auf 100.000€ herabsetzen und die Frist um einen Monat verlängern. Ein beeindruckender Beweis dafür, was eine Musikszene abseits der Mainstream-Öffentlichkeit und fast ohne Lobby, nur durch Zusammenhalt und Engagement bewegen kann. Aktuell sind fast 52.000€ an Spenden auf dem Crowdfunding-Konto eingegangen, das klingt wirklich eher nach Familie als nach Discobesuchern.

Alle Infos zur aktuellen Situation des Club Charlotte findet ihr hier.

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