
Viel Küstenlinie hat man ja in Münster nicht („Aber der Aasee…“ – „Nein!“), zumindest wenn man es aus geographischer Sicht betrachtet. Erfreulicherweise sieht das aus musikalischer Sicht anders aus, denn es gibt die Band Shoreline, die – ebenso erfreulicherweise – ein neues Album aufgenommen hat. Ein Album, das thematisch in unsere Zeit passt.
Ist der Tiefpunkt schon erreicht? Wie schlimm muss es noch werden, bevor es besser wird? Angesichts der politischen Weltlage sicherlich eine mehr als berechtigte Frage, der sich Shoreline direkt auf Albumlänge gewidmet haben. Moment! Konzeptalbum? Von einer Hardcore-Emo-Punk-Band? Oh ja, das geht und das funktioniert ganz wunderbar, wie die Band bereits bestätigen kann.
„Für mich gibt es auf dem Album einen klaren Wendepunkt“

Sänger Hansol Seung ist nämlich von den bisherigen Reaktionen seiner Testhörer auf dieses Konzept begeistert: „Für mich gibt es auf dem Album einen klaren Wendepunkt – den Tiefpunkt, wenn man so will – ab dem die Songs dann wieder hoffnungsvoller werden. Als ich die Songs engen Freund*innen gezeigt habe, hat allerdings jede*r von ihnen diesen Punkt an jeweils anderer Stelle für sich ausgemacht. Ich finde, das ist total witzig, aber auch einfach wunderschön.“
Aber was haben wir denn hier überhaupt? Eine wohlklingende und hervorragend produzierte Mischung aus Collegepunk und Alternative Rock der 90er sowie Emocore der 2000er mit einem gelegentlichen Hauch Linkin Park, garniert mit einer wohldosierten Schüppe Hardcore. Stilecht DIY-mäßig im zum Studio ausgebauten Proberaum aufgenommen und dann von Profis überm großen Teich veredelt worden. Das kann sich von Anfang bis Ende hören lassen. Was wir auch getan haben, und zwar…
…Track by Track:
- „Worry Count“
Hier sind die 2000er mit einem klassischen Emocore-Intro zurück, überraschend sanfter Gesang rundet das Ganze ab, bevor dann doch noch ein bisschen geschrien wird. „I got my mistakes“, aber dieser Opener ist bestimmt keiner.
- „Brittle Bond“
Nanu, noch ein Intro? Konnte sich hier jemand nicht entscheiden, wie die Platte losgehen soll und hat einfach beide Varianten veröffentlicht? Aber Brittle Bond bleibt kein kurzer eröffnender Vorgeschmack, sondern geht recht schnell mit allen Emocore und Punkrock-Trademarks zu Werke, da versinken die Drums schön irgendwo weit hinten im Hall, die Gitarren zupfen ein paar hübsche Melodien, Gesang und Geschrei wechseln sich ab. Hübsch.
- „Sweet Spot“
Inzwischen sind wir beim College-Punk der 2000er angekommen. Das macht Spaß und geht gut nach vorne, der Drummer macht reichlich Gebrauch von den Toms, es wird sich kurz auf ein paar Alternative-Rock-Akkorden ausgeruht. Stimmiges Gesamtpaket, das eine weitere Facette des Bandsounds in den Vordergrund stellt.
- „Forgive“ (feat. Joe Taylor)
Der vierte Song ist auf jeden Fall ein Anspiel-Tipp. Stadion-Rock-Intro, Staccato-Arpeggios in den Gitarren, auch hier verschwindet stilecht gelegentlich das Schlagzeug irgendwo in weiter Ferne. Sehr schöner Mitgröhl-Chorus. Keine Ahnung, wer Joe Taylor ist, aber er macht seinen Job super.
- „Paradox Man“
Eine schöne, schnell geknüppelte Hardcore-Punk-Attitüde, immer im Wechsel mit lieblichen Gitarren-Zwischenspielen. Es wird geschrien, gelitten, durchgehalten. Schnell vorbei, dabei aber alles gesagt. Richtig gut!
- „Synchronize“
Wir bleiben beim wilden Geschrei, bevor es zumindest gesanglich etwas gefühlvoller zugeht. Aber nicht lange, es ist noch nicht alles rausgeschrien, was raus muss. Auch an den Drums wird sich zwischenzeitlich ausgetobt, bevor die Trommeln scheinbar wieder im Nebenzimmer verschwinden. Ein Song, der nicht langweilig wird.
- „Out Of Touch“
Hat hier jemand „Linkin Park“ gesagt? Oh ja, und das laut und deutlich. Diese Nummer wäre auch auf dem Genreklassiker „Hybrid Theory“ nicht negativ aufgefallen. Das ist gut, das bleibt hängen, das könnte auch auf einer langen Autofahrt im Radio laufen.
- „Good Times“
Nachdenklichkeit gepaart mit großen Melodien. Das verfängt sofort, nimmt einen mit, stimmt etwas melancholisch. Hervorragende, gefühlvolle Arbeit am Gesang – und das in allen Facetten.
- „Youthfully Naive“
Spätestens hier wäre zumindest für den Verfasser dieser Zeilen der Punkt gekommen, an dem der gefühlsmäßige Tiefpunkt überwunden ist. Es geht wieder etwas mehr nach vorne, die Melodien stimmen hoffnungsvoller, die Gitarren schrebbeln ein wenig zukunftsgewandter.
- „Phantom Pain“
Erstmals ein Intro, dass sich richtig Zeit lässt, zu wirken. Langsam aufgebaut und mit ungewöhnlichen Klängen gewürzt, auch gesanglich etwas ganz Eigenes. Schon wieder schwebt das Schlagzeug zwischenzeitlich irgendwie durch den Raum, es wird ein wenig gerappt und alles fügt sich zu einem wohligen Gesamtsound zusammen. Doch, das ist ein versöhnliches Ende für dieses Album. Yieh-ha!
Insgesamt haben wir hier ein wirklich abwechslungsreiches, ausgewogenes Album, das auch bei mehrmaligem Hören nicht langweilig wird und immer wieder neue Details entdecken lässt. Sicherlich nicht nur für Fans des Genres eine lohnende Erfahrung, sondern auch für alle, die gerne komplett in einem Album versinken.
Die Band tourte gerade erst durch Europa, eine eigene Release-Tour in Deutschland folgt im Herbst. Wer Shoreline heimatnah erleben will, hat dazu am 26.6. auf dem Vainstream in Münster Gelegenheit.
Shoreline – „Is This The Low Point Or The Moment After?“ erscheint am 13.3.2026 bei Pure Noise Records im Vertrieb von The Orchard / Open.
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