Auf gute Nachbarschaft! “Kein Mensch ist so reich, dass er seinen Nachbarn nicht braucht.” Ein Aphorismus, der die deutsch-niederländische Nachbarschaft auf den Punkt bringt.

Wilhelm von Oranien auf einem Buntglasfenster in der Sint-Janskerk in Gouda. (Foto: Scheller)
Wilhelm von Oranien auf einem Buntglasfenster in der Sint-Janskerk in Gouda. (Foto: Scheller)

Die Niederlande sind Deutschlands drittstärkster Handelspartner. Deutschland ist umsatzstärkster Handelspartner der Niederlande. Das Handelsvolumen D/NL (Import/Export) beträgt 205 Milliarden Euro (2024). Im Krameramtshaus am Alten Steinweg befindet sich seit 1995 das Kulturzentrum „Haus der Niederlande“. Ebenso darf das in Münster stationierte Deutsch-Niederländische Korps sein 30-jähriges Jubiläum feiern. Und noch ein nachbarschaftliches Charakteristikum: Seit Oktober 2019 pflegen die Städte Enschede und Münster eine offizielle Partnerschaft.

Brückenbauende Persönlichkeiten

Diese namhaften Menschen aus beiden Ländern waren es, die seit mehr als 1200 Jahren nachbarschaftlich Politik, Wirtschaft und Kultur dauerhaft prägten:

  • Liudger: geb. 742 Zuilen NL bei Utrecht, friesischer Herkunft, erster Bischof und Gründer der Stadt Münster. Von Karl dem Großen beauftragt, führte er als niederländischer Missionar mit seinen Gefährten die Arbeit von Willibrord und Bonifatius fort. Allerdings konnten sie die Bewohner des dünn besiedelten Gebietes zwischen Ootmarsum und Odenzaal nicht zum Christentum bekehren. Das gelang ihnen jedoch in der Region Achterhoek. Jahrhundertelang gehörte dieses Gebiet zum Bistum Münster. Liudger starb 809 in Billerbeck. Seine Verehrung als Heiliger entwickelte sich schon kurz nach seinem Tod.
  • Willem von Oranien: geb. 1533 in der Oranienstadt Dillenburg D, bedeutender Politiker und Anführer des Niederländischen Aufstands gegen die Spanier. Unsere niederländischen Nachbarn sehen ihn als Vater ihres Vaterlandes. Die Nationalhymne, Het Wilhelmus, ist ihm gewidmet: Wilhelmus van Nassouwe ben ik, van Duitsen bloed. (Wilhelm von Nassau bin ich, von duytschem Blut.) Wichtig zu wissen: Der Dichter wollte mit den Worten “Duitsen bloed” nicht, wie die Nationalsozialisten es 1940 unbedingt umzudeuten versuchten, die deutsche Herkunft, sondern den germanischen Sprachbereich hervorheben und der damaligen, gegen die Niederlande kämpfenden spanischen Herrschaft (romanischer Sprachbereich) eine Absage erteilen. Ein blindwütiger Spanien-Sympathisant erschoss Willem von Oranien 1584 in Delft.
  • Prinzessin Louise Henriette von Oranien-Nassau: geb. 1627 Den Haag NL. Ehefrau des “Großen Kurfürsten” Friedrich Wilhelm. Sie brachte niederländische Kultur, Gartenkunst und Architektur nach Preußen.
  • Adriaan Pauw, Ritter und Diplomat, geb. 1585 Amsterdam NL, gest. 1653, und Gerard ter Borch, Maler, geb. 1617 Zwolle NL, gest. 1681. Adriaan Pauw trug als Botschafter der Niederlande wesentlich zum Friedensvertrag von Münster, der Beendigung des 80-jährigen Krieges zwischen Spanien und den Niederlanden, bei. Ebenso war er eine Schlüsselfigur bei den Verhandlungen zur Beendigung des Westfälischen Friedens in Münster. Er wohnte während dieser Zeit im Krameramtshaus am Alten Steinweg in Münster. Gerard ter Borch begleitete Adriaan Pauw. Von ihm stammt das berühmte Gemälde von der feierlichen Beschwörung des Friedens von Münster: ‘Der Friedensschluss zu Münster’. Das Gemälde wird im Rijksmuseum Amsterdam gezeigt.
  • Clemens und August Brenninkmeijer, geb. in Mettingen D. Eigentümer der Bekleidungskette C&A. Sie gründeten 1841 ihr Unternehmen mit dem ersten Geschäft im friesischen Sneek NL.
  • Prinz Bernhard zur Lippe-Biesterfeld, geb. 1911 Jena D, gest. 2004, Gemahl von Königin Juliana, und Prinz Klaus von Amsberg, geb. 1926 Dötzingen/Hitzacker D, gest. 2002, Gemahl von Königin Beatrix. Sie sind Großvater und Vater des jetzigen Königs Willem Alexander der Niederlande.
  • Schwester Laudeberta / Johanna van Hal, geb. 1887 Groenlo NL, Region Achterhoek. Sie war eine stille Widerstandskämpferin gegen das Nazi-Tötungsprogramm – T4 – „unwertes Leben“. Aufgrund ihrer unter Lebensbedrohung überbrachten Informationen an Bischof Graf von Galen hielt dieser am 03. August 1941 in der St.-Lamberti-Kirche seine anschuldigende Predigt, die zum vorübergehenden Stopp der menschenverachtenden Verbrechen führte. Die unerschrockene Haltung des “Löwen von Münster” inspirierte die niederländischen Bischöfe zu einem Hirtenbrief vom Juni 1942, der sich öffentlich gegen die NS-Ideologie richtete.
Spruch an einer Wand im Krameramtshaus. (Foto: Scheller)
Spruch an einer Wand im Krameramtshaus. (Foto: Scheller)

Abschließend: Wer kennt sie nicht, die niederländischen Entertainer, die im deutschen Showgeschäft und im Fernsehen das Publikum begeisterten! Angefangen bei Johannes Heesters über Rudi Carrell, Hermann van Veen und Lou van Burg. Für alle vorgenannten Personen gilt der berühmte Satz, der im Gildesaal des Krameramtshauses über dem Kamin steht: Ehr is dwang nog – Ehre ist Zwang genug. Die Philosophin und Historikerin Ricarda Huch interpretiert es so: Ehre ist Zwang genug. Der Freie, und das ist nach der damaligen Auffassung der Edle, erträgt keinen Zwang, aber er zwingt sich selbst.

Ein Blick in die Jetztzeit und in die Region

Ohne sie wäre Münsters Rosenmontagszug nur halb so schön: Die bunten Wagen aus Losser. (Foto: Bührke)
Ohne sie wäre Münsters Rosenmontagszug nur halb so schön: Die bunten Wagen aus Losser. (Foto: Bührke)

Schauen wir auf den Zusammenhalt von Münster mit den beiden deutsch-niederländischen Regionen Münsterland und Twente. Wie grandios werten doch alljährlich die bunten Prunkwagen aus Losser den Karnevalsumzug am Rosenmontag in Münster auf! Viel mehr als nur die Nachbarschaft verbindet eine langjährige, grenzenlos jecke Freundschaft die Karnevalsgesellschaften aus Münster mit dem niederländischen Losser. Die Münster-Weihnachtsmärkte sind jedes Jahr ein absoluter Besuchermagnet für unsere niederländischen Nachbarn. Die starke Präsenz wird vom Münster Marketing und durch die Zusammenarbeit mit der Euregio (Geheim over de grens) sowie gemeinsame Streifen der deutschen und niederländischen Polizei gefördert. Besonders an den Adventswochenenden sind Bus-Shuttles und Hotelzimmer fest in niederländischer Hand.

Genauso spielt sich das Leben und Treiben auf den Wochenmärkten ab. Während besonders an Samstagen auf dem Domplatz in Münster die niederländische Sprache allgegenwärtig ist, frequentieren zeitgleich bis zu 50 Prozent deutsche Besucher den Wochenmarkt auf dem H. J. van Heekplein im Zentrum von Enschede.

Auf weiterhin gute Nachbarschaft!

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