
Sucht man in Münster nach Werken des Malers Wilhelm Lautenbach, so sind diese nicht im öffentlichen Raum zu finden. Lediglich im Bistumsarchiv lagern Zeichnungen und Pastelle, zu denen man mit einem vereinbarten Forschungstermin Zugang bekommen kann.
Wer war dieser tief religiöse Künstler und Maler, der ins Vergessen geraten ist? Wilhelm Lautenbach, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Wirtschaftswissenschaftler, der 1931 den für unsere jetzige Zeit noch sehr gut anwendbaren „Lautenbach-Plan“ konzipierte, wurde am 12. Januar 1881 in Oelde (ehem. Kreis Beckum) geboren. Seine künstlerischen Schwerpunkte waren insbesondere Münster und Westfalen. Seinen Lebensmittelpunkt verlagerte er schon früh nach Münster, wo er 76-jährig am 18. Juli 1957 verstarb und auf einem der traditionellen innerstädtischen Friedhöfe beigesetzt wurde.
Klein im Auftreten, groß im Schaffen
Wilhelm Lautenbach war ein introvertierter Mann, ein tief religiöser, pflichtbewusster Künstler, ein bodenständiger Handwerker, so beschrieben ihn Zeitgenossen. Er selbst nannte sich schlicht Kirchenmaler. Seine Maltechnik beschreibt Annkatrin Küsterarend 2024 in ihrer Hochschularbeit: „Er arbeitete mit einer Vielzahl von Techniken auf unterschiedlichen Bildträgern. Die kunsttechnischen Untersuchungen zeigen seinen unverkennbaren Malstil mit proportional feinen Schattierungslinien und ausdrucksstarken Figuren. So verwendete er für seine Zeit modernste Materialien wie Mineralfarben auf Gips und extrem dünn gewalzte Zinkplatten als Bildträger.“ Lautenbach verdiente seinen Lebensunterhalt wesentlich mit Porträts und sakralen Aufträgen. Monatelange, intensive Arbeit in kalten Kirchenräumen prägte seinen Alltag. Beim schwersten Bombenangriff auf Münster am 10. Oktober 1943 verlor Wilhelm Lautenbach über Nacht mit seinem Atelier all sein Hab und Gut. Seine Existenz war zerstört.
Bedeutende Werke des Kirchenmalers

1916 erhielt Wilhelm Lautenbach den Auftrag für das heute noch erhaltene besondere Wandgemälde „Mariä Heimsuchung“ in der Wallfahrtskirche Kleinenberg (Lichtenau). Für Menschen, die spirituelle Ruhe suchen, ist diese zu den ältesten Wallfahrtsorten Westfalens gehörende Kirche ein Besuch goldwert. Weitere Kirchen, in denen er kunstmalerisch tätig war, sind die Kath. Pfarrkirche St. Blasius, Balve: Kreuzweg, Kupfer auf Goldgrund – Pfarrkirche St. Johannes Baptist, Oelde: sakrale Innenausstattung – St. Johannes Evangelist, Füchtdorf: Ausmalung des Kirchenschiffs – Propsteikirche St. Laurentius, Arnsberg: Restaurierung und Ergänzung der Wandmalereien. St. Laurentius – Thüle (Salzkotten): Dort wohnte Wilhelm Lautenbach vorübergehend aufgrund der Kriegszerstörungen in Münster. Hier malte er drei große Wandgemälde (Lünettenbilder) und schuf die Ausmalung der Kirchengewölbe. Diese Werke sind heute wieder vollständig vorhanden und für Bewunderer Lautenbachs unbedingt besuchenswert. Dagegen wurde die gesamte Lautenbach-Ausmalung der Herz-Jesu-Kirche in Münster (Klein Muffi) am 9. Februar 1945 bei einem schweren Bombenangriff zerstört.
Wilhelm Lautenbach war im Münsterland als präziser Porträtist bekannt und fertigte auch Arbeiten für Ordensgemeinschaften wie das Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern in Münster an. So ist es nicht verwunderlich, dass er auch dem Bischof bekannt war. Von ihm bekam er 1935 den bedeutendsten Auftrag, ein kirchenpolitisches Repräsentationswerk, das Porträt des Clemens August Graf von Galen in offizieller Amtsrobe als Bischof von Münster anzufertigen. Graf von Galen nutzte Lautenbachs handwerkliches Geschick, um die bischöfliche Würde und Standhaftigkeit in der Zeit politischer Spannungen durch das NS-Regime visuell zu untermauern. Bildbeschreibung: „Der Blick des Bischofs ist fest und entschlossen, was den Anspruch des ‚Hirten‘, der seine Herde gegen ideologische Angriffe verteidigt, visuell untermauert. Nicht nur die äußere Ähnlichkeit, sondern die psychologische Tiefe und Autorität charakterisieren den ‚Löwen von Münster‘. Dieses Ölgemälde befindet sich heute im Bestand des Deutschen Historischen Museums, Unter den Linden in Berlin.

In memoriam – Eine Zeitzeugin chroniziert
Da Wilhelm Lautenbach aufgrund der Kriegswirren über keine finanziellen Mittel mehr verfügte, sicherte er seinen Lebensunterhalt zusätzlich durch das Malen von Landschaftsbildern und Porträts. Frau Marlies Steinel, geb. Westermann, verfasste in einfühlsamen Worten ihre ganz persönlichen Erinnerungen über den Maler Wilhelm Lautenbach: „In unserer kleinen heilen Welt war alles wie im Paradies. Die Menschen, die wir kannten, waren Nachbarn und gute Freunde wie der bekannte Kunst- und Kirchenmaler Wilhelm Lautenbach. Die Begegnungen mit ihm haben mich sehr beeindruckt. Der große, stattliche Mann bewohnte ein Zimmer im Haus meiner Großeltern. Er hatte nur ein Auge, das andere war ihm entfernt worden und darüber befand sich jetzt eine schwarze Klappe. Wir Kinder durften ihn besuchen und ihm beim Malen zuschauen. Vor allem, wenn es regnete und wir nicht draußen spielen konnten, gingen wir zu Herrn Lautenbach. Wenn er das Haus verließ, trug er immer einen dunklen Hut mit breiter Krempe und statt eines Mantels einen Umhang. Das war ein ungewöhnlicher Anblick für die Menschen bei uns im Dorf.
Lautenbach war gebürtiger Oelder, lebte aber in Münster. Seine Wohnung dort war ausgebombt worden, so kam er nach Ennigerloh (ehem. Kreis Beckum). Während der Kriegsjahre hatte er praktisch keine Verdienstmöglichkeiten. Er malte mit Ölfarben, und seine Bilder bekamen meine Eltern oder mein Onkel Jupp statt der Miete oder auch mal als Bezahlung für andere kleine Gefälligkeiten. In dieser Zeit erhielt Lautenbach einen Auftrag vom Bischöflichen Ordinariat aus Münster für ein großes Gemälde. Er sollte den Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, porträtieren. Das Bild war so groß wie ein Fenster und hing jahrelang im Paulusdom zu Münster. Heute befindet es sich, wie mir mein Bruder Bernhard sagte, im Entrée des Bischöflichen Ordinariats. Lautenbach hat insgesamt drei Porträts von Kardinal Clemens August Graf von Galen und auch Porträts von uns Kindern gemalt, von mir und meinen Brüdern Josef und Bernhard. Der Künstler und wunderbare Mensch Wilhelm Lautenbach hat einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Seine sonore Stimme, wenn er ‚Jaahaa‘ sagte, ist mir unvergessen, und ich höre sie bis heute in meinen Ohren.“
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Sehr gut formuliert und verständlich geschrieben.
War mir als Oelder Bürger nicht bekannt, dass Herr Lauterbach das Gemälde von Kardinal von Galen erstellt hat.
Ich lese gerne die Berichte von Herrn Scheller.
Weiter so!
Danke
Herr Brormann! Mich freut, dass Sie Gefallen an solcher Berichterstattung haben..