Masematte und Rassismus  Teil 15 der Masematte-Kolumne unserer Autorin Marion Lohoff-Börger

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Die heutige Sonnenstraße war damals ebenfalls ein berüchtigtes Viertel, wo Masematte gesprochen wurde. (Foto: Marion Lohoff-Börger)
Die heutige Sonnenstraße war damals ebenfalls ein berüchtigtes Viertel, wo Masematte gesprochen wurde. (Foto: Marion Lohoff-Börger)

Was hat denn bitteschön nun die Masematte, unsere allseits geliebte, aber untergegangene und dann vielfach wieder auferstandene Geheimsprache mit Rassismus zu tun? Gute Frage, hier die Antwort:

Seitdem ich erstens die aktuelle Diskussion um Rassismus verfolge, ich zweitens meine Fortbildung im transkulturellen und interreligiösen Lernhaus für Frauen mit dem Zertifikat „Kulturmittlerin“ abgeschlossen habe (… danke, danke …) und ich mich drittens immer intensiver in die Materie „Masematte“ einarbeite, sage ich heute: Ja, Masemattesprecher waren Opfer von Diskriminierung, Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus. Und damit meine ich nicht die intellektuellen, wohlsituierten MasemattesprecherInnen, die es während ihrer Sturm-und-Drang-Zeit in den 60er und 70er Jahren hipp fanden, Masematte zu sprechen, um sich von ihrem spießigen Zuhause abzugrenzen.

Nein, ich meine die ursprünglichen MasemattesprecherInnen, die sich hoffnungsfroh um 1850 in Münster niederließen, ich meine ihre Familien, deren Enkel, Urenkel und Ururenkel …. Ihre Vorfahren kamen aus dem fahrenden Volk, sie waren mal Hausierer, sie waren und blieben Sinti und Roma, Juden, Christen, Freidenker, Querdenker, Garnichtsdenker …, sie arbeiteten als Händler, sie waren kleine Handwerker und/oder Kleinkriminelle. Ich meine die Menschen, die allesamt eine Heimat suchten und dachten Münster wäre wohl ein geeigneter Ort dafür. Das ging bis 1933 vermutlich halbwegs gut.

Blick in die Jüdefelderstraße. (Foto: Marion Lohoff-Börger)
Blick in die Jüdefelderstraße. (Foto: Marion Lohoff-Börger)

In der Zeit von 1850 bis 1945 erfuhren MasemattesprecherInnen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Rassismus. Rassismus, als eine Art der Diskriminierung von Personen, die aufgrund von falschen Annahmen und daraus gewachsenen Vorurteilen zu einer systematischen Ausgrenzung führt. Dies geschieht, weil andere (meist weiße) Personen glauben, sie ständen „über“ anderen und denken, sich mit rassistischen Verhaltensweisen und Aussagen verletzend und demütigend verhalten zu dürfen. Und das, und das ist das Neue, was uns Tupoka Ogette lehrt und uns „super-sozial-denkenden-akademischen Zehensandalenträger-und-GrünenwählerInnen“ sehr erschreckt: auch unbewusst!!!!

Das macht Tupoka Ogette in ihrem hochaktuellen Buch „Exit Racism“ deutlich. Sie wirft uns raus aus dem „Happyland“, wo Rassismus eigentlich nicht existiert, nicht existieren darf. Und schlimmer noch, die Narben der deutschen Seele schmerzen und drücken immer noch furchtbar, weil unsere Vorfahren den Holocaust verursacht haben. Von unserer Geburt an wurde uns eingeimpft, dass „DAS“ nie, nie, niiiiiiiiiiie wieder passieren darf. Und wir, die wir die AfD verfluchen, rechtes Denken und jegliche Gewalt verurteilen, auf jeder Anti-Rechts-Demo selbstgemalte Plakate schwenken, unsere Kinder zu aufrechten DemokratInnen erziehen, immer wählen gehen (Grün selbstverständlich für das gute Gewissen), und wir, genau wir (!!!) müssen uns anhören, dass wir „heimliche Rassisten“ sind? Never!!!!! Wir erfahren, dass da Menschen in unseren gut eingerichteten Alltag treten und behaupten: „Das ist rassistisch, was du da sagst!“ Obwohl wir es doch soooo nett gemeint haben, als wir die junge schwarze Frau auf dem Spielplatz fragten, woher sie käme. Sie hat mit genervter Miene und ziemlich spöttisch geantwortet: „Aus Wolbeck.“ Oder die alte Dame im Bus, die doch sooo gerne einmal die Haare von dem kleinen schwarzen Jungen streicheln möchte und das auch noch unaufgefordert tut, bevor sein Vater ihn wegziehen konnte. Das sind nur die offensichtlichsten und plumpesten Beispiele.

Ja, das tut weh, aus der Komfortzone der weißen Westen herauskatapultiert zu werden, sehr sogar. Nein, das ist wirklich nicht schön. Aber ja, es ist sehr heilsam, zumindest für den indirekten Rassismus der selbstherrlichen jungen und alten, weißen Frauen und Männer sensibel zu werden. Es reicht nicht, über Figuren einer Schokoladenmarke oder Abbildungen auf Reispackungen die Nase zu rümpfen. Das ist nur schöne Fassade. Wir kennen alle Diskriminierungen, aber wir werden niemals wirklich wissen, was rassistische Erfahrungen sind, weil wir weißen „Deutschen“ privilegiert geboren wurden und geprägt sind durch 75 Jahre christliches Nachkriegsdeutschland.

Stolpersteine in der Jüdefelderstraße. Schon 1938 wurden viele Münsteraner als sogenannte „Asoziale“ von den Nazis deportiert. (Foto: Marion Lohoff-Börger)
Stolpersteine in der Jüdefelderstraße. Schon 1938 wurden viele Münsteraner als sogenannte „Asoziale“ von den Nazis deportiert. (Foto: Marion Lohoff-Börger)

Zurück zur Masematte: Bei meinen ersten Kreativmärkten, als ich noch ziemlich blauäugig (sic! haha!) selbstgemachte Masematte-Postkarten verkaufte, hatte ich zwei Begegnungen, die Rassismus gegenüber MasemattesprecherInnen belegen:

Beim Kreativmarkt im Mühlenhofmuseum kam ein älterer Herr zu mir und musterte kritisch meine Postkarten. Was das sein sollte, fragte er. Ich antwortete: „Masematte“. Sein Gesicht erhellte sich und er sagte abfällig: „Ah, das jüdische Kauderwelsch.“ Nein, sorry, ich hatte keine passende Antwort parat, ich war schockiert und abgestoßen, und, nein, ich habe auch nicht 10 Sekunden gewartet und dann noch dreimal durchgeatmet, um im Sinne gewaltfreier Kommunikation ein passendes Feedback zu geben. Aber: Ich arbeite dran. Versprochen.

Die zweite Begegnung fand ein paar Monate später auf dem Design-Gipfel mit einem fröhlichen älteren Herrn statt, der sich schnell als Handwerker im Ruhestand outete. Er erfreute sich an meinen Karten, weil sie ihn an die Sprache seiner Kindheit erinnerten, wie er sagte. Er erzählte mir, er sei in der Nähe der Steinfurter Straße als Kind nach dem Krieg aufgewachsen und habe in den Trümmern gespielt und … mit seinen Freunden Masematte gesprochen! In der Schule, so erzählte er dann traurig weiter, hätte er sich gehütet, Masematte zu sprechen, denn sein Lehrer habe ihn auf den Kopf geschlagen, wenn er Masemattewörter gebrauchte. Das wäre die Sprache gewesen, die nicht gesprochen werden durfte. Warum wohl nicht? Gute Frage! Spekulative Antworten: Weil die Masematte die Sprache der nicht privilegierten Leute war, der sogenannten „Asozialen“, von denen die Stadt schon 1938 gesäubert wurde, die Sprache der Juden, der Sinti und Roma, eben der Menschen, die in Münster lebten und aufgrund ihrer Herkunft der schlimmsten Form des Rassismus, dem Genozid, zum Opfer gefallen sind? Gab es da etwa ein schlechtes Gewissen, was sich regte? Oder schlug der Lehrer ein Kind, weil er sich maßlos geärgert hat, dass er ein Ausgeschlossener war, ein Nicht-Eingeweihter, ein Außenseiter? Oder, oder, oder?

Eine Frage möchte ich uns allen heute mit auf den Weg geben: Ist es diskriminierend, ja, antisemitisch und rassistisch, wenn in Münster nach wie vor behauptet wird, die Masematte sei eine alte Gaunersprache, die von jüdischen Viehhändlern gesprochen wurde?

Oft, wenn ich mit Lesungen oder Vorträgen in Sachen Masematte unterwegs bin, stehe ich am Ende als die Spielverderberin da. Ich höre: „Masematte ist doch so witzig!“ (aber, ja!), „so ironisch“ (ja!) und „ein ganz ureigenes Stück Münster“ (na ja …). „Sie stärkt doch unser Wir-Gefühl und ist das i-Tüpfelchen auf der allseits vorherrschen Münster-Liebe!“ (genau das ist der Punkt!). „Und wir kommerzialisieren und funktionalisieren sie doch nur ein ganz kleines bisschen!“ (okaaaayyyyy?). „Und! Wir kennen einen, der einen kennt, der spricht fließend Masematte!“ (Nein, kennt ihr ganz sicher nicht!!!!).

Aber, so mein Resümee heute, würde es Münster nicht gut zu Gesichte stehen, wenn wir allesamt mal aus „Happy-Münster“ auswandern würden (oder wie eine von diesen nervigen Drohnen einen Blick von oben draufwerfen), um sensibel und aufmerksam zu werden, wo und wie sehr unsere Mitmenschen leiden?

Die nächste Kolumne wird wieder lustiger, das verspreche ich. Alles jovelino!?

Ogette, Tupoka: EXIT RACISM – rassismuskritisch denken lernen. Unrast Verlag, 8. Auflage 2020, 12,80 €
Marion Lohoff-Börger

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