Abklebefräulein (w/m/d) gesucht! “Mein Abklebefräulein ist ausgefallen. Darum kann ich erst nächste Woche bei Ihnen anfangen zu streichen”

Die Apfelsorte Fräulein ist als natürliche Zufallskreuzung in der Hildesheimer Börde entstanden. (Foto: Bührke)
Die Apfelsorte Fräulein ist als natürliche Zufallskreuzung in der Hildesheimer Börde entstanden. (Foto: Bührke)

So informierte mich der Chef eines Maler- und Lackierbetriebs in der Kreuzstraße. Abklebefräulein? Das Wort hatte ich noch nie gehört. Auf meine Rückfrage bekam ich von ihm kurz und zackig eine klare Kante-Aussage: „Der Baufluencer Andy Hansen behauptet, mit Profi-Pinseln und guter Farbe muss ein Malergeselle heutzutage nicht mehr abkleben. Quatsch! Warum verlangt dann die Maler- und Lackiererinnung in Münster bei der Gesellenprüfung immer noch Kenntnisse zu Abklebe- und Abdeckmaßnahmen? Ich lasse Fensterrahmen und -sprossen, Fußleisten, Steckdosen und Türen generell von meinem Abklebefräulein abkleben. Auch Böden und Möbel deckt sie komplett ab.“ Basta.

Mach das Beste daraus

1945, mit dem Ende des Weltkriegs, fehlten besonders in handwerklichen Berufen Männer. Über 4,4 Millionen deutsche Soldaten waren gefallen, und nach vorsichtigen Schätzungen waren noch 6–8 Millionen Männer in Kriegsgefangenschaft. Also war die Bevölkerung gezwungen, aus der Not eine Tugend zu machen. Das Baugewerbe beschäftigte, ohne Rücksicht auf bestehende Gesetze zu nehmen, Frauen. Man denke nur mal an die Trümmerfrauen. Ebenso arbeiteten Frauen, oft sogar mit ihren Kindern, in der Landwirtschaft, in Heimarbeit oder in Handwerksbetrieben als Hilfskräfte.

Malerbetriebe „erfanden“ Aufgabenteilung. Frauen erledigten zeitraubende, filigrane Vor- und Nacharbeiten, indem sie Fußböden präzise abdeckten, Mobiliar gegen Farbspritzer geschützt zuhängten und Fenster etc. akkurat abklebten. Somit konnten die Malergesellen zeitsparend entlastet werden und erreichten zusätzlich eine deutlich höhere Fertigquote. Die Nacharbeit, das Entfernen der Klebestreifen und das Wiederherrichten der Räume, erledigten danach die Frauen. Meister und Gesellen nannten ihre weibliche Unterstützung schon bald anerkennend und schmeichelnd „Abklebefräulein“. Die Handwerkskammer Münster förderte nach dem Krieg sogar den Einsatz von Frauen am Bau, übernahm aber nicht als Berufsbezeichnung das Wort Abklebefräulein, sondern Malergehilfin.

Als Ende der 40er Jahre zunehmend Kriegsgefangene heimkehrten, wurden Frauen nach und nach aus ihren Hilfsdiensten verdrängt und ins bürgerlich-konservative 3K-Rollenverständnis – Kinder, Küche, Kirche – zurückgeschickt. Das änderte sich erst 1977 mit dem Ende des Beschäftigungsverbotes für Frauen im Handwerk. In der Rolle der Handwerkskammer Münster erhielten Malergehilfinnen nun die Berufsbezeichnung Malerin oder Lackiererin. Zeitgleich traten aufgrund der Reform des Ehe- und Familienrechts die Abschaffung der „Hausfrauenehe“, die freie Berufswahl und das Arbeiten ohne Erlaubnis ihres Ehemannes in Kraft. Im Bauhauptgewerbe blieb Frauenarbeit in Westdeutschland jedoch bis 1994 reglementiert oder sogar komplett verboten.

Der Anfang vom Ende des Fräuleins

Die duftende Rosensorte Fräulein Maria. (Foto: Scheller)
Die duftende Rosensorte Fräulein Maria. (Foto: Scheller)

Nachdem nun das Abkleben geklärt ist, gehört die Anrede Fräulein noch erläutert. Bis in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts hatte das Wort „Fräulein“ kaum einen ironischen Unterton. Das Fräulein von der Post, Fräulein vom Amt oder die Anrede Fräulein Lehrerin war noch ganz natürliche Alltagssprache. Oder hatte das „Abklebefräulein“ in der Maler-Männerwelt doch schon einen jungfräulichen Fräulein-Beigeschmack? „Sie ist noch unerfahren, sie muss die richtige Welt erst noch kennenlernen“, oder wie Münsterländer Bauern es untereinander zu sagen pflegten: „Sie muss noch ein paar Jahre auf die Wiese.“ Zunehmend vermischten sich der gesellschaftliche Status Fräulein (junge Frau) mit der biologischen Facette Jungfrau.

In der zweiten Hälfte der 60er kippte das Fräulein-Klischee zunehmend, nicht nur in der Männerwelt, sondern ebenso insbesondere bei den Jugendlichen und jungen Frauen. Nur ein Beispiel: Wenn sich zur Fronleichnamsprozession die Teilnehmer:innen auf den Münsterländer Kirchplätzen hinter ihre jeweilige Vereinsfahne aufstellten, dann war es für uns pubertierende Teenager ein interessantes Angeber-Schauspiel, welche Fräuleins sich ein wenig schämend hinter die Fahne der Jungfrauenkongregation verkrochen. „Die? Was will die denn da? Das weiß ich aber besser!“ Oder wenn sich eine schwarz gekleidete, mit geklöppeltem weißen Kragen zugeknöpfte Dame dorthin begab: Dann: „Ja, der glaube ich, das ist das Fräulein Maria, die Schwester und Haushälterin vom Pastor.“

Aber es dauerte noch einige Jahre, bis „Fräulein“ verschwand. Am 16. Januar 1972 wurde in der Bundesrepublik Deutschland die Anrede Fräulein offiziell abgeschafft.

Das Fräulein-Revival in Münster

Einige Beispiele: „Mein liebes Fräulein, nun ist aber Schluss!“, schimpfte die junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter, als diese trotzig schrie. Oder besuchen Sie den Wochenmarkt auf dem Domplatz. Dort können Sie die neue, in der Hildesheimer Börde bei einem erfahrenen Obstbauern gezüchtete, sehr knackige Apfelsorte Fräulein käuflich erwerben. Lecker, aber nicht preiswert. Das Fräulein erlebt auch in der Rosenzucht eine Wiedergeburt. Auf den Buddenturm-Beeten wächst bereits die von einem renommierten norddeutschen Rosenzuchtbetrieb gezüchtete Edelrose Fräulein Maria. Ihre Patin ist Fräulein Maria von Jever, Landherrin des Jeverlandes. Wenn Sie ausgiebig frühstücken möchten, dann genießen Sie das Fräulein-Früh-Event-Frühstück an Bord der MS Günther am Hafen.

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