100 Euro fürs WM-Trikot Zwischen WM-Euphorie und Billiglöhnen: Die Schattenseite des Trikot-Booms

Bei der WM 2026 nehmen 48 Mannschaften teil. Jede Mannschaft hat mindestens zwei Trikot-Sätze. Alle Kollektionen müssen dabei weltweit gleichzeitig verfügbar sein. Eine enorme Belastung für die Näherinnen. (Symbolbild: Cristian Tarzi / Unsplash)
Bei der WM 2026 nehmen 48 Mannschaften teil. Jede Mannschaft hat mindestens zwei Trikot-Sätze. Alle Kollektionen müssen dabei weltweit gleichzeitig verfügbar sein. Eine enorme Belastung für die Näherinnen. (Symbolbild: Cristian Tarzi / Unsplash)

Fußballtrikots waren schon immer mehr als bloße Sportbekleidung. Sie stehen für Identifikation, Leidenschaft und Zugehörigkeit. Doch diese Verbundenheit hat ihren Preis. 100 Euro fürs WM-Trikot sind da keine Seltenheit, sondern die Regel.

Aktuelle Nationalmannschafts- und WM-Trikots kosten inzwischen häufig 100 Euro oder mehr, sogenannte „Authentic“-Versionen sogar bis zu 150 Euro. Warum die Preise seit Jahren steigen und wer am Geschäft mit den Trikots verdient, hat jüngst auch das ZDF im Beitrag „Warum Fußballtrikots immer teurer werden“ beleuchtet.

Die Preisentwicklung ist deutlich: Kostete das Trikot der deutschen Nationalmannschaft zur Heim-WM 2006 noch rund 65 Euro, verlangen die Hersteller heute 100 Euro fürs WM-Trikot oder mehr, so unter anderem das Magazin WISO, wie es im Beitrag „Die Deals mit Fußballtrikots“ zeigt. Gleichzeitig werden viele Trikots inzwischen in verschiedenen Versionen angeboten – vom klassischen Fantrikot bis zur deutlich teureren „Authentic“-Variante, die den Spielertrikots auf dem Platz nachempfunden ist.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Branchenbeobachter verweisen auf gestiegene Marketingausgaben, milliardenschwere Sponsoringverträge, höhere Produktions- und Logistikkosten sowie die zunehmende Vermarktung von Trikots als Lifestyle- und Sammlerprodukte. Die hohe Zahlungsbereitschaft vieler Fans trägt ebenfalls dazu bei, dass die Preise kontinuierlich steigen.

Zwischen Rekordumsätzen und Existenzlöhnen

Antworten auf die Frage, wer von diesem Boom profitiert und wer nicht, sucht seit Jahren auch die Münsteraner NGO Christliche Romero Initiative (CIR). Die Menschenrechtsorganisation beschäftigt sich mit Arbeitsbedingungen in globalen Lieferketten und kritisiert, dass steigende Verkaufspreise bislang kaum bei den Menschen ankommen, die die Trikots produzieren.

„Auch wenn die Trikotpreise in den vergangenen Jahren stark gestiegen sind, gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass diese Preissteigerungen automatisch bei den Näher*innen in Asien ankommen“, sagt Sandra Dusch Silva, Referentin für nachhaltige Lieferketten und Kleidung bei der CIR. „Unsere Partnerorganisationen in Sri Lanka oder Vietnam berichten seit Jahren, dass die Löhne in den Produktionsländern trotz steigender Umsätze nicht für ein Leben in Würde reichen.“

Sandra Dusch Silva ist Referentin für nachhaltige Lieferketten und Kleidung bei der Münsteraner NGO Romero Initiative (CIR). (Foto: Maren Kuiter)
Sandra Dusch Silva ist Referentin für nachhaltige Lieferketten und Kleidung bei der Münsteraner NGO Romero Initiative (CIR). (Foto: Maren Kuiter)

Nach Einschätzung der Organisation könnten bereits wenige Euro zusätzlich pro Kleidungsstück ausreichen, um deutliche Lohnerhöhungen entlang der Lieferkette zu finanzieren. Tatsächlich profitierten vom boomenden Geschäft mit Fanartikeln vor allem Sportartikelkonzerne sowie große Verbände wie der DFB oder die FIFA.

Wenn Sponsoring Millionen bringt

Wie groß die finanziellen Dimensionen im Fußballgeschäft inzwischen geworden sind, zeigt ein Blick auf die Ausrüsterverträge. Ab 2027 wird Nike neuer Ausrüster des Deutschen Fußball-Bundes. Medienberichten zufolge soll der Vertrag ein Volumen von mehr als 100 Millionen Euro pro Jahr haben und damit deutlich über den bisherigen Zahlungen von Adidas liegen.

„Während diese enormen Summen in Sponsoring und Markeninszenierung fließen, verdienen viele Arbeiter*innen in den Produktionsländern weiterhin nur Löhne, die nicht für ein Leben in Würde reichen“, sagt Dusch Silva.

Das Geld ist da – aber wo kommt es an?

Große Fußballturniere kurbeln regelmäßig den Verkauf neuer Trikots an. Menschenrechtsorganisationen fragen, wie viel davon bei den Beschäftigten in der Produktion ankommt. (Symbolbild: Igor Batista / Unsplash)
Große Fußballturniere kurbeln regelmäßig den Verkauf neuer Trikots an. Menschenrechtsorganisationen fragen, wie viel davon bei den Beschäftigten in der Produktion ankommt. (Symbolbild: Igor Batista / Unsplash)

Aus Sicht der CIR wäre eine Verbesserung der Löhne wirtschaftlich durchaus möglich. Selbst eine Verdoppelung oder Verdreifachung der direkten Lohnkosten würde sich bei 100 Euro fürs WM-Trikot häufig nur im niedrigen einstelligen Eurobereich bemerkbar machen.

Die steigenden Preise lassen sich dabei nicht allein mit höheren Produktionskosten erklären. Zwar verweisen Hersteller auf gestiegene Rohstoff-, Transport- und Lohnkosten sowie technische Weiterentwicklungen der Produkte. Gleichzeitig spielen Marketingausgaben, Sponsoringverträge und die hohe Nachfrage eine wichtige Rolle bei der Preisgestaltung.

Viele Hersteller verweisen darauf, dass ihre Zulieferer die gesetzlichen Mindestlöhne einhalten. Die CIR hält das für unzureichend. In Produktionsländern wie Bangladesch oder Kambodscha lägen diese Mindestlöhne oft nur knapp über der Existenzgrenze. Für viele Beschäftigte bedeute das, dass Überstunden notwendig seien, um den Lebensunterhalt zu sichern. Rücklagen seien kaum möglich, Krankheiten oder steigende Lebensmittelpreise könnten schnell zur finanziellen Belastung werden.

Wenn Marken den Takt vorgeben

Nach Angaben der CIR liegt das eigentliche Problem tiefer. Große Marken würden seit Jahrzehnten erheblichen Druck auf ihre Zulieferer ausüben. Fabriken müssten sich an vorgegebenen Zielpreisen orientieren und stünden im ständigen Wettbewerb mit den günstigsten Produktionsstandorten weltweit.

Fußballtrikots sind längst Teil der Fankultur. Gleichzeitig sind die Preise für aktuelle Modelle in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. (Archivbild: Thomas Hölscher)
Fußballtrikots sind längst Teil der Fankultur. Gleichzeitig sind die Preise für aktuelle Modelle in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. (Archivbild: Thomas Hölscher)

„Das zentrale Problem ist nicht der Mindestlohn selbst, sondern ein Geschäftsmodell, das systematisch auf extrem billiger Produktion basiert“, sagt Dusch Silva. „Solange Sportartikelhersteller ihre Einkaufspreise nicht deutlich erhöhen, bleiben Versprechen zu Nachhaltigkeit oder fairen Arbeitsbedingungen unglaubwürdig.“

Besonders sichtbar werde dieser Druck vor Großereignissen wie Welt- oder Europameisterschaften. Neue Kollektionen müssten weltweit gleichzeitig verfügbar sein, Verkaufsfenster seien zeitlich eng begrenzt. Die Folge seien kurzfristige Produktionsänderungen, hoher Leistungsdruck und zusätzliche Überstunden in den Fabriken.

Zwischen Recycling und Greenwashing

Auch die Nachhaltigkeitsversprechen der Branche betrachtet die Organisation differenziert. Viele aktuelle Trikots werden mit recyceltem Polyester aus PET-Flaschen beworben. Das könne zwar den Einsatz neuer fossiler Rohstoffe reduzieren, löse aber nicht alle Probleme.

Nach Einschätzung der CIR bleiben Herausforderungen wie Mikroplastik, hoher Energieverbrauch und die wachsende Zahl neuer Kollektionen bestehen. Recyceltes Polyester sei sinnvoller als herkömmliches Polyester, bedeute aber noch keine echte Kreislaufwirtschaft. „Wenn das Etikett dazu genutzt wird, gleichzeitig immer neue Kollektionen und schnelleren Konsum zu bewerben, wird es problematisch“, sagt Dusch Silva. „Das grenzt schon an Greenwashing.“

Forderung nach einem grundlegenden Wandel

Die CIR weist in diesem Zusammenhang auf das „Just Fashion Manifest“ der Kampagne für Saubere Kleidung hin. Darin fordern Gewerkschaften, Menschenrechts- und Umweltorganisationen einen grundlegenden Wandel der globalen Modeindustrie.

Im Mittelpunkt stehen existenzsichernde Löhne, stärkere Arbeitnehmerrechte, soziale Absicherung sowie eine gerechtere Verteilung der Wertschöpfung entlang der Lieferketten. Gleichzeitig fordert das Bündnis, Überproduktion und Ressourcenverbrauch deutlich zu reduzieren. Die Initiativen argumentieren, dass soziale Gerechtigkeit und Klimaschutz in der Textilindustrie nicht voneinander getrennt betrachtet werden können.

Auch Vereine können Verantwortung übernehmen

Für Vereine, Schulen und Sportorganisationen hält die Romero Initiative praktische Hilfen bereit. (Grafik: CIR)
Für Vereine, Schulen und Sportorganisationen hält die Romero Initiative praktische Hilfen bereit. (Grafik: CIR)

Einen generellen Boykott von Trikots empfiehlt die CIR nicht. Stattdessen setzt die Organisation auf bewussteren Konsum. Fans könnten gezielt nach fair produzierter Sportbekleidung fragen, Trikots länger nutzen oder Secondhand-Angebote in Betracht ziehen. Auch Vereine könnten ihre Lieferketten stärker hinterfragen und soziale Kriterien bei der Beschaffung berücksichtigen.

Für Münster sieht die CIR dabei besonderes Potenzial. Als Fair-Trade-Stadt könne die Diskussion über Nachhaltigkeit im Sport auch die Frage nach fairen Arbeitsbedingungen in den globalen Lieferketten stärker in den Fokus rücken. „Wer Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung ernst nimmt, sollte auch die Arbeitsbedingungen in den Lieferketten in den Blick nehmen“, sagt Dusch Silva.

Während Millionen Fans weltweit ihre Mannschaften unterstützen und 100 Euro fürs WM-Trikot und manchmal auch noch mehr ausgeben, bleibt damit eine Frage aktuell: Wenn Fußballtrikots immer teurer werden, warum profitieren diejenigen, die sie herstellen, bislang so wenig davon?

Was Fans jetzt tun können

Wer sich näher mit fair produzierter Sportbekleidung und den Arbeitsbedingungen in globalen Lieferketten beschäftigen möchte, findet weitere Informationen bei der Romero Initiative (CIR) und ihren Partnerorganisationen. Das „Just Fashion Manifest“ der Kampagne für Saubere Kleidung kann online unterstützt werden. Orientierung bei Textilsiegeln bietet der Labelchecker der CIR. Für Vereine, Schulen und Sportorganisationen hält die Initiative „Sport handelt fair“ praktische Hilfen und eine Übersicht fair gehandelter Sportartikel bereit. Konkrete Tipps für mehr Fairness im Sport liefert zudem die CIR-Broschüre „Offensiv für Fairplay“.

Die wichtigsten Links:

- Just Fashion Manifest
- Romero Initiative (CIR)
- Labelchecker für Textilsiegel
- Sport handelt fair
- Faire Sportartikel und Einkaufshilfen
- CIR-Broschüre „Offensiv für Fairplay“

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