Werkeln am Zug

In der großen Halle können drei vollständige Züge gleichzeitig gewartet werden. (Foto: wf / Weber)
In der großen Halle können drei vollständige Züge gleichzeitig gewartet werden. (Foto: wf / Weber)

Es gibt Ecken von Münster, die wir eigentlich nie zu sehen bekommen. Dazu gehört das Instandhaltungswerk der Deutschen Bahn am Industrieweg, also nahe der Umgehungsstraße zwischen den Silos von Agravis und dem Skater’s Palace gelegen. Dort wird alltäglich wichtige Arbeit geleistet, um die Regionalbahnen zu warten, damit wir mit ihnen sicher durchs Münsterland und bis ins Rheinland fahren können. Um dies einmal allen zu zeigen, hatte die DB-Regio die hiesigen Pressevertreter ins Werk geladen. Tatsächlich sind alle gekommen: Zeitungen, Lokalradio, Fernsehen und Onlinemagazine.

Ausgerüstet mit Warnwesten und Anstoßkappen dürfen wir die Nachtschicht begleiten und mit dem Werkstattleiter Alfred Greiwe unter die roten Doppelstockwagen gehen, wo er die Achsen prüft. Für diesen Zweck ist ausreichend Platz, der Boden liegt hier ein Stockwerk niedriger als die Schienen, es muss also keiner kriechen. Auf kleinen Metallschildchen sind alle Radsätze mit ihren speziellen Nummern gekennzeichnet, damit lassen sich über die Datenverarbeitung alle bisherigen Mess-Ergebnisse abrufen. Durch den ständigen Abrieb nutzen sich die einzelnen Räder nicht immer gleichmäßig ab, was oft nur per Ultraschallmessung feststellbar ist. Denn sie dürfen nicht mehr als 15 Millimeter voneinander abweichen – sonst merken sogar wir Laien bei der Zugfahrt irgendwann, dass es nicht rund läuft. Bis dahin rollen die eisernen Räder schon mal bis zu 600.000 Kilometer kreuz und quer durchs Land. Um sie auszutauschen, steht in der Werkshalle eine ziemlich große Hebebühne bereit. Schließlich wiegt so ein Radsatz etwa anderthalb Tonnen. Er wird von Mechatronikern wie Ralf Jäger und Maik Bischoff passgenau justiert und mit nur vier Schrauben an jeder Seite befestigt. Das geht ganz fix, wie die anwesenden Journalisten staunend feststellen. Es gibt hier eben das richtige Werkzeug, gut geschulte Mitarbeiter und vernünftige Arbeitsbedingungen.

Werkstattleiter Alfred Greiwe prüft den Radsatz eines Doppelstockzuges. (Foto: wf / Weber)
Werkstattleiter Alfred Greiwe prüft den Radsatz eines Doppelstockzuges. (Foto: wf / Weber)

Gearbeitet wird in dem Instandhaltungswerk im Drei-Schicht-Betrieb. So muss Fahrzeug-Instandhalter Ingo Hildebrand jeweils eine Woche in der Früh- und Nachtschicht sowie zwei Wochen in der Spätschicht von 13 bis 21 Uhr ran. „Die Spätschichten sind mir die liebsten,“ sagt er ohne zu zögern und greift zur Ölkanne. Bereitwillig lässt er sich dabei fotografieren, ebenso wie seine Kollegen. Dabei hatten die Pressesprecher der Bahn vorher noch um Verständnis geworben, dass sich möglicherweise nicht jeder Arbeiter im Werk fotografieren oder ausfragen lassen möchte. Aber ganz im Gegenteil: geduldig erklären sie den Laien die Unterschiede zwischen elektrischen Doppelstöckern und Dieseltriebwagen oder warum manchmal Sand zum Bremsen benötigt wird.

Diese Halle wurde von der DB Regio eigens gebaut, um die Züge des britischen Konkurrenten National Express zu warten. (Foto: wf / Weber)
Diese Halle wurde von der DB Regio eigens gebaut, um die Züge des britischen Konkurrenten National Express zu warten. (Foto: wf / Weber)

Der ganze Tross zieht weiter in eine weitere Halle, die erst kürzlich neu erstellt wurde. Hier kümmern sich die Arbeiter des DB-Regio-Werks tatsächlich um die Züge der Konkurrenz. Das britische Unternehmen National Express (NX) hat nämlich vor zwei Jahren die Ausschreibung der Linie RE 7 von Rheine nach Krefeld gewonnen, wollte sich aber kein eigenes Instandhaltungswerk zulegen, sondern hat die Wartung ihrerseits ausgeschrieben. Dadurch profitieren letztlich beide Seiten, wie ihre anwesenden Vertreter vor Ort betonen. In der neuen Halle wird die metallene Arbeitsbühne von vorne bis hinten nahtlos von beiden Seiten an das Dach des 90 Meter langen Zuges heran geschoben, so dass bequem auf einer Fläche gearbeitet werden kann. Diese Züge vom Typ „Talent 2“ des Herstellers Bombardier werden über zwei Stromabnehmer mit 15.000 Volt versorgt. Allerhand Kabel gehen über das Dach, wo auch eine ganze Reihe von Klima-Anlagen zu warten sind. Diese und andere Arbeiten führen hier insgesamt vier Teams mit jeweils sechs bis sieben Mechatronikern im Schichtdienst aus. Wie oft welche Teile untersucht oder ausgetauscht werden müssen, wird peinlich genau in der Datenverarbeitung festgehalten. Schließlich geht es auch um die Sicherheit der Bahnkunden.

Ein bisschen länger als die für Autos ist die Waschanlage für die Züge der DB-Regio. (Foto: wf / Weber)
Ein bisschen länger als die für Autos ist die Waschanlage für die Züge der DB-Regio. (Foto: wf / Weber)

Am Ende dürfen alle Journalisten dann noch miterleben, wie eine Wagenwäsche bei der Bahn aussieht. Eigentlich genauso wie bei Autos, nur eben viel größer. Dafür ist nur ein Mitarbeiter nötig, der das gewünschte Programm in die Steuerung eingibt und die gelbe Rangierlok per Fernsteuerung bedient. Ungefähr 20 Minuten dauert so eine Wäsche für einen ganzen Zug, sie ist für jeden einzelnen einmal pro Woche fällig. Dafür werden 500 Liter Wasser pro Wagenkasten aufgewendet, also für das, was wir Laien Waggon nennen. Das Wasser wird aber recycelt und es kommt nur umweltfreundlicher Neutralreiniger dran, versichert man uns. Verwundert stelle ich fest, dass keiner der Züge mit Graffiti beschmiert ist. Die seien aber immer noch ein Problem, werden aber umgehend mit Spezialreinigern entfernt. Damit sich die aufgesprayte Farbe nicht im Lack festsetzt – und um den Anreiz für die Täter zu mindern, die ja vor allem wollen, dass ihr Ergebnis gesehen wird. Besonders viel Vandalismus ist immer bei Auswärtsfahrten zu Fußballspielen zu erwarten. Dafür hält das Instandhaltungswerk in Münster auch einen Sonderzug parat, mit den ältesten der vorhandenen Waggons. Denn egal, wie so ein Spiel in der Bundesliga ausgeht, randaliert wird immer in der Bahn. Wohl auch um Verständnis für solche Dinge zu werben, hatte die Bahn diesen Pressetermin angesetzt. Schaut man die Ergebnisse in den verschiedenen Medien an, ist ihr das offensichtlich gelungen.

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Ralf Clausen

Ralf Clausen

RALF CLAUSEN, Redakteur bei ALLES MÜNSTER
Ralf kommt aus dem Norden, lebt aber schon seit 1992 in Münster. Er interessiert sich besonders für Musik und Kultur, aber auch für Geschichte und Stadtgeschichten. Im Bürgerfunk moderiert er auf Antenne Münster "Easy Listening - Musik am Feierabend". Einige seiner Schallplatten trägt Ralf schon mal zum Auflegen in eine von Münsters Kneipen, zu denen seine Lieblingsmusik aus den 50er, 60er und gelegentlich auch 70er Jahren passt.

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