Fünf Jahre Spezialstation für essgestörte Jugendliche

Das Team der Spezialambulanz für Essgestörte am UKM um Prof. Georg Romer (vorn). (Foto: UKM)

Das Team der Spezialambulanz für Essgestörte am UKM um Prof. Georg Romer (vorn). (Foto: UKM)

„Ich habe (dort) gelernt, dass nicht nur Leistung, Disziplin, Sport und immer weiter abnehmen zufrieden machen. Stattdessen ist es der Spaß an der Schule und mit Freunden – und vor allem Kraft für diese Dinge zu haben.“ Dieses Fazit zieht Chiara (Name geändert) nach ihrem Aufenthalt auf der Spezialstation für Essgestörte in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKM (Universitätsklinikum Münster).

Chiara ist eine „typische“ magersüchtige Patientin: Sie stammt aus einem wohlbehütenden Elternhaus und kann sich nur schlecht ohne Schuldgefühle gegen ihre Eltern abgrenzen. Die tiefe Loyalität zu den Eltern verhindert altersangemessene Auseinandersetzungen, die Angst vor konfliktgeladener Reibung blockiert einen gesunden inneren Ablösungsprozess und damit das Erwachsenwerden. Entsprechend werden auch die zur Pubertät gehörenden körperlichen Veränderungen nicht akzeptiert. „Die Magersucht (Anorexia nervosa) ist ein typisches Krankheitsbild in Familien mit gutem Bildungsniveau“, sagt Prof. Georg Romer, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. „In vielen Fällen liegen schulischer Perfektionismus in Verbindung mit einer konfliktvermeidenden Eltern-Kind-Beziehung zu Grunde. Den betroffenen Familien ist das in ihrem Streben nach äußerer Harmonie aber nicht bewusst.“

Bis zu einer vollständigen Überwindung der Essstörung einschließlich dauerhaft stabiler Normalgewichtigkeit sind oftmals lange Behandlungsverläufe nötig, die von vielen Fallstricken begleitet sein können. Multimodale und auf die Erkrankung abgestimmte Behandlungs­konzepte mit hoher Erfahrungsexpertise sind dabei ebenso wichtig  wie ein jugendgerechtes therapeutisches Milieu unter Gleichaltrigen, um die Bewältigung der Entwicklungsaufgaben auf dem Weg zum jungen Erwachsenen zu unterstützen. Mit einem multifamiliären Ansatz unterstützen Romer und sein Team in den Monaten nach der Behandlung junge magersüchtige Patienten und ihre Familien dabei, im Kampf gegen die Magersucht stark zu bleiben.

In gruppentherapeutischen Sitzungen arbeiten mehrere Familien gemeinsam das Krankheitsbild ihrer Kinder auf. „Da die Jugendlichen sich oft selbst nicht trauen, ihr Störempfinden gegenüber den eigenen Eltern auszusprechen, wirkt die Multifamilientherapie wie ein Spiegel. Denn bei anderen Familien mit ähnlich gelagerten Problemen sind die jungen Menschen sehr wohl in der Lage, kritische Rückmeldungen darüber zu geben, warum diese sich immer wieder in ähnlicher Weise in Kämpfe ums Essen verstricken, ohne dabei ihre Konflikte zu lösen. Sozusagen ‚über Bande gespielt‘ bekommen die Eltern und Betroffenen so Rückschluss darüber, wo die Kommunikation in ihrer eigenen Familie aneinander vorbei läuft“, weiß Romer.

Auch die Bewegungs- und Kunsttherapien sind Teil des multimodalen Konzepts und setzen vor allem beim gestörten Körperbild der Patienten an. So soll sichergestellt werden, dass der Erfolg des Klinikaufenthaltes auch auf lange Sicht bleibt: „Mit unserem engmaschigen, breit aufgestellten Nachsorgeprogramm betreuen wir die Familien auch nach einer stationären Entlassung. Einen erneuten Absturz des Gewichts können wir so in den meisten Fällen verhindern“, sagt Romer. Und er unterstreicht, wie wichtig es ist, die Therapie speziell auf Jugendliche abzustimmen: „Jugendliche sind keine Erwachsenen – insofern sollte eine Magersucht bei ihnen immer in einer jugendgerechten Umgebung unter Gleichaltrigen mit den entsprechenden Therapiekonzepten behandelt werden. Wir bieten als Maximalversorger mit eigener Intensivstation und Tagesklinik sowie pädiatrischer Anbindung alles unter einem Dach.“

Für Chiara war die Spezialstation der Ausweg aus der Krankheit, denn sie – und auch ihre Eltern – haben dort gelernt, dass sie als junge Frau für sich selbst stehen kann: „Ich würde auf jeden Fall sagen, dass ich deutlich mehr Vertrauen von meinen Eltern bekommen habe, und dass sie jetzt ein wenig losgelöster von mir sind, weil ich jetzt selbstständiger bin. Die Beziehung ist jetzt weniger eng als vorher – aber im positiven Sinne.“

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